„Man darf dem Bauchgefühl nicht trauen“

Top Wuppertal : „Man darf dem Bauchgefühl nicht trauen“

40 Jahre auf dem Richterstuhl – und doch: Robert Bertling, der zuletzt den Wuppertaler Springmann-Prozess leitete, tut sich schwer mit dem Abschied.

Am Ende schlug die Härte des Gesetzes zu. Da gab es auch für einen gestandenen Richter nichts zu erwidern. Wer die Altersgrenze erreicht hat, der muss gehen – ob er will oder nicht. Robert Bertling (67) wollte nicht, daraus macht er kein Geheimnis. Wohltuend offen sprach er schon bei seiner Verabschiedung am Wuppertaler Landgericht im vergangenen November über das, was ihn bis heute umtreibt. Dass man von jetzt auf gleich zu Hause sitzt und es keine Akte mehr gibt, die dringend durchgeschaut werden muss…

Das mag für manch einen eine Befreiung sein, für Robert Bertling war es das nicht. „Es gibt schon eine enorme Fallhöhe vom Trubel und Stress ins berufliche Nichts“, sprach er über etwas, dass in einer solchen Lebensphase üblicherweise im Privaten verborgen bleibt. Wo man selbst einst saß, gehen jetzt andere zu Werke. Das Leben geht weiter, nur eben anders. Man selbst muss die Dinge loslassen.

Mit 27 Jahren saß er erstmals auf dem Richterstuhl, den er nun als einer der Richter mit der längsten Dienstzeit verlassen hat. Die Leidenschaft, mit der er einst begann, hat ihn bis heute nicht losgelassen. 40 Jahre, und etliche davon inmitten von Mord und Totschlag? Nach einer solchen beruflichen Karriere würde man vieles erwarten – aber wohl kaum, dass sich Feinfühligkeit und Sensibilität bewahren lassen. Dass vor ihm auf der Anklagebank auch Leute saßen, denen die Empathie im Laufe einer jahrelangen „Verbrecherkarriere“ verloren gegangen zu sein scheint, hat seine eigene Seele augenscheinlich nicht verhärten lassen.

Mit seinem letzten Prozess hatten die Dinge allerdings nochmals an Fahrt gewonnen. Ungeachtet der anstehenden Pensionierung hatte man der 5. Strafkammer unter dem Vorsitz von Robert Bertling die juristische Aufklärung des Doppelmordes an Christa und Enno Springmann überlassen. Enno Springmann: Unternehmer, 89 Jahre alt und immer noch streitbar wie zu seinen Zeiten als CDU-Ratsherr. Einer, der sich gerne einmischte und noch immer morgens in sein Büro ging. Christa Springmann: Sie hielt ihrem Mann den Rücken frei und hatte es ihm überlassen, das längst verkaufte und ehemals in die Ehe gebrachte Familienunternehmen am internationalen Markt zu etablieren.

Gemeinsam hatten die Eheleute die „Enno und Christa Springmann Stiftung“ gegründet, die noch immer alljährlich Preise an Wuppertaler Künstler verleiht. Gefunden hatte man sie erdrosselt in ihrem Haus, über beinahe 50 Verhandlungstage hinweg angeklagt waren der Enkel und dessen Geschäftspartner. Dass sich vor den Prozessbeteiligten eine derart romanhafte Geschichte ausbreiten würde, konnte man nach dem Verlesen der Anklageschrift allenfalls ahnen.

der Anklageschrift allenfalls ahnen.

Vier Jahrzehnte ein vertrautes Bild: Richter Robert Bertling mit Akten und Robe. Foto: Mikko Schümmelfeder

Im Zeugenstand: Weggefährten, die in Enno Springmann einen geradlinigen Menschen und den typischen, bergischen Unternehmer gesehen haben wollen. Diverse Frauen, die von dessen jahrzehntelangen Liebschaften erzählten. Freundinnen, die Christa Springmann geraten haben wollen, den notorisch untreuen Ehemann doch endlich zu verlassen. Gehörnte Ex-Freundinnen des Sohnes der Springmanns, dem man – zwischenzeitlich ebenfalls in Verdacht geraten – wohl gerne irgendwas angehängt hätte. Und schlussendlich auch noch Nachbarn, die den Enkel der Springmanns als Laien-Seelsorger im Gefängnis aufsuchten, um ihn zum Schuldeingeständnis zu bewegen.

Derweilen geriet das Miteinander von Gericht und Verteidigung zunehmend in kommunikative Schieflage. Und dennoch war es wohl auch der Besonnenheit des Vorsitzenden Richters zu verdanken, dass die Stimmung inmitten etlicher Befangenheitsanträge nicht vollends eskalierte. „Ich war bereit, alles dafür zu tun, um das hinzubekommen“, sagt Robert Bertling im Rückblick.

Dass seine Pensionierung anstand, hatte ihm zwischenzeitlich den Vorwurf eingebracht, den Prozess unnötigerweise beschleunigen zu wollen, um noch selbst das Urteil sprechen zu können. Das wiederum fiel mit dem Freispruch des Geschäftspartners und der lebenslangen Haftstrafe für den Enkel recht spektakulär aus. Und dennoch wurde der Springmann-Prozess zum Lehrstück, um nachvollziehen zu können, wie sich aus juristischer Perspektive die Puzzleteile eines Geschehens aneinanderreihen lassen.

Mit dem letzten, nun geschlossenen Aktendeckel hätte eigentlich das Schlusskapitel im Leben des Richters geschrieben sein können. Nicht so bei Robert Bertling, der noch große Pläne hat mit all dem, was er in den vergangenen Jahrzehnten erlebt hat. Möglicherweise lässt sich manches davon bald schon wiederfinden in einem Buch. Nein, ein Sachbuch soll es nicht werden – allzu große Nähe zum Geschehen im Gerichtssaal ist ohnehin nicht erlaubt. Darunter gäbe es so einiges, was man als Leser wohl verschlingen würde.

Angefangen hatte alles übrigens eher unspektakulär – inmitten von Straßenverkehrsdelikten und Arzthaftungsfragen – als Richter einer Zivilkammer beim Landgericht in Duisburg. „Der erste Verhandlungstag in Strafsachen war einer der aufregendsten Tage meines Lebens“, erinnert sich Robert Bertling an vergangene Zeiten. Einem Angeklagten zu sagen, dass er jetzt ins Gefängnis müsse und man ihm damit die Freiheit nehme, sei ihm anfangs schwer gefallen. Als Einzelrichter und ohne Wachtmeister im Saal habe er mal einen Karate-Trainer auf der Anklagebank sitzen gehabt. Dem sei der Ruf vorausgeeilt, dass man ihn nicht fesseln könne, weil er gehen würde, wenn er gehen wolle. Ihm selbst sei schnell klar gewesen, dass es auf eine Bewährungsstrafe hinauslaufen würde. So habe er dem Angeklagten die Fußfesseln abnehmen lassen und nichts sei passiert.

Anders sei es hingegen bei einem seiner letzten Prozesse gelaufen. Dort hätten zwei Männer auf der Anklagebank gesessen, die sich wegen einer Messerstecherei im Bordell hätten verantworten müssen. Nach der Urteilsverkündung seien die Angeklagten stehengeblieben und hätten ihn als „Nazi“ beschimpft. Einer der beiden habe im Gerichtssaal gegen eine Schwenktür getreten, die daraufhin durch die Luft geflogen sei. Ein Wachtmeister sei verletzt worden – und ja, das seien Momente gewesen, vor denen man sich als Richter fürchtet.

Zum Tennisspielen gibt es jetzt mehr Zeit – auch wenn Robert Bertling als Vorsitzender seines Tennisclubs auch zahlreiche organisatorische Aufgabe zu bewältigen hat. Foto: Mikko Schümmelfeder

Auch an seinen ersten Mordfall kann sich Robert Bertling noch gut erinnern: Ein 21-Jähriger hatte einem Taxifahrer die Kehle durchgeschnitten und sein Opfer auf den Rücksitz geworfen. Unvergessen blieben auch die Fotos eines Obduktionsberichtes, bei dem ein Mann durch einen Schraubenzieher im Kopf zu Tode gekommen war. „Als ich zum ersten Mal solche Bilder sah, hat mich das sehr mitgenommen“, spricht er über den Moment, als er den Aktendeckel aufschlug. Auf die Angeklagten und mit Blick auf deren Schuld auf ein Bauchgefühl angesprochen, sagt er: „Ja, das hat man. Aber man darf ihm keinesfalls trauen.“ Man wolle schließlich keinen Unschuldigen verurteilen, die Indizien müssten immer zweifelsfrei die Schuld des Verurteilten nachweisen.

Es habe Selbstmordversuche seiner Angeklagten in der Gefängniszelle gegeben, die einen als Richter nicht kaltlassen könnten. Ein vollendeter Suizid habe ihn sehr belastet, weil er dem Mann zuvor im Prozess gesagt habe, dass er mit einer hohen Strafe und Sicherungsverwahrung rechnen müsse. Der Familienvater galt als Serienvergewaltiger, der in die Wohnungen seiner Opfer eingedrungen war, um sie zuweilen mit vorgehaltenem Messer zum Sex zu zwingen. Noch lange nach dem Prozess hätten die Opfer unter den Folgen der Tat gelitten und einige hatten in ihrem Leben den Halt verloren.

Und dennoch, es gebe durchaus auch verurteilte Mörder, die einem als Mensch sympathisch sein könnten. Die Grenze für eine lebenslange Strafe sollte nicht dort verlaufen, wo jemand töte. Schwere Strafen sollte es hingegen immer dort geben, wo Menschen als hemmungslose Schwerverbrecher ohne jede Empathie ihre kriminelle Karriere vorantreiben würden. „Zu einem Mord sind mehr Menschen in der Lage, als man vielleicht denkt“, glaubt Robert Bertling. Manchmal sei es nur ein kurzer Augenblick, der darüber entscheide, ob sich jemand im Griff habe oder eben nicht.

Mit Blick auf das Strafmaß, das für Mörder nur lebenslänglich vorsieht, würde er sich mehr Flexibilität wünschen. Nach all dem, was sich im Gerichtssaal vor ihm ausgebreitet habe, könne er hingegen nur zu einem raten: „Man sollte Menschen niemals über deren Grenzen hinaus provozieren.“ Jemanden bis aufs Blut reizen – das sei zuweilen schnell passiert, mit fatalen Folgen.

Und wie geht’s nun weiter für Robert Bertling, im Leben nach dem Richterleben? Es gibt sie bereits, die Angebote aus Anwaltskanzleien. Als Strafverteidiger sieht sich der pensionierte Richter dennoch nicht, vielleicht als Berater. „Ich weiß nur zu gut, was man als Verteidiger einem Richter mit seinen Anträgen antut“, sagt er schmunzelnd. Außerdem müsse man in diesem Job mit allen Mitteln darum kämpfen, seine Mandanten zu verteidigen – auch wenn sie schuldig sind.

Aber da war ja noch das Buch, das geschrieben werden will. Und als Präsident eines Tennisvereins im Heimatort Meerbusch gilt es gerade, das größte Sandplatzturnier in NRW zu organisieren. Die Ehefrau, die erwachsenen Kinder, der Hund: Sie geben Halt und freuen sich auf mehr gemeinsame Zeit. Der juristische Blick auf die dunkle Seite der menschlichen Seele gehört für Robert Bertling der Vergangenheit an. Und dennoch: Darauf lässt sich vieles aufbauen.

Mehr von Wuppertaler Rundschau