Rückblick: Springmann-Morde: Chronologie der Ereignisse

Rückblick: Springmann-Morde: Chronologie der Ereignisse

Am Vormittag des 20. März 2017 klingelt auf der Wuppertaler Polizeiwache das Telefon. Am anderen Ende der Leitung: Benjamin S. (26), der Enkel von Christa und Enno Springmann. Er meldet eine offenstehende Haustür in der Ronsdorfer Villa seiner Großeltern — und dass im Haus alles durchwühlt worden sei.

Gesagt habe ihm das seine Mutter. Was die herbeigeeilten Polizeibeamten dort finden, wird später über Monate hinweg Rechtsgeschichte schreiben.

In seinem Schlafzimmer neben dem Bett: Enno Springmann (91), erdrosselt. In ihrem Arbeitszimmer noch am Schreibtisch sitzend: Christa Springmann (88), erdrosselt. Das wiederum ist das Einzige, was man bis heute ganz sicher weiß über diesen Mordfall, der für Entsetzen gesorgt hatte und seit dem Frühjahr in einem Indizienprozess verhandelt wurde. Das Urteil? Überraschend! Aber dazu später ...

Nervenzusammenbrüche und verhängnisvolle Worte

Am Haus der Springmanns waren indessen auch die Kripo und Familienangehörige eingetroffen. Es sickerte durch, dass die Eheleute tot aufgefunden worden waren und es sich um ein Gewaltverbrechen handelt. Der Sohn der Springmanns, inzwischen am Tatort eingetroffen, brach noch auf der Straße schreiend zusammen. Dessen geschiedene Frau, der Enkel, dessen Stiefbruder: Keiner will zuvor im Haus gewesen sein und dennoch berichteten alle , dass dort alles durchwühlt sein soll. Für die Angehörigen ging es mit der Zeugenvernehmung auf der Wache weiter. Da soll Benjamin S. den herbeigeeilten Nachbarn längst unter Tränen gesagt haben, dass er es bedaure, am Vortag nicht eine Stunde länger geblieben zu sein. Kurz darauf wussten es alle: Die Großeltern seien am Sonntag den 19. März zu Tode gekommen und nicht etwa erst am darauffolgenden Montagmorgen. Täterwissen — so jedenfalls sah es später das Gericht.

Die Trauerfeier

Nur wenige Tage danach dann die Trauerfeier zu Ehren der honorigen Eheleute — die übrigens in unterschiedlichen Grabstätten bestattet wurden. Schon da hätte man es ahnen können: Hinter der Buddenbrookschen Fassade waren über Jahrzehnte hinweg familiäre Abgründe verborgen geblieben. Der vom Patriarch verstoßene Sohn hielt die Trauerrede, der Enkel soll nach der Trauerfeier schnell wieder weg gewesen sein. Versammelt hatten sich hingegen städtische Honoratioren und Kulturschaffende. Unter anderem mit ihrer Stiftung und der alljährlicher Preisverleihung an ambitionierte Künstler hatten sich die Springmanns in der Wuppertaler Kulturszene einen Namen gemacht.

Klatsch, Tratsch

Derweilen hatte die Staatsanwaltschaft längst die Ermittlungen eingeleitet, über deren Fortgang die Öffentlichkeit nur spärlich auf dem Laufenden gehalten wurde. Die allerdings hatte da schon die ersten Kapitel des vom Vorsitzenden Richter Robert Bertling später als romanhaft charakterisierten Geschehens geschrieben. Enno Springmann: Beschäftigt ehemals mit der Firma und noch immer mit seinen Liebschaften, zu Hause dominant und streitsüchtig. Christa Springmann: Seelisch gebrochen vom wilden Treiben ihres Mannes und dennoch darum bemüht, die eheliche Entfremdung hinter der bürgerlichen Fassade zu verbergen. Der Sohn: Vom Vater als Versager verstoßen und in Heimlichkeiten mit der Mutter gedrängt. Der Enkel: Ein verwöhnter Angeber, der das vom Großvater zu Investitionszwecken überlassene Geld für teure Luxuskarossen ausgibt. Und ja, allen sei es immer nur ums Geld gegangen. Die 30 Millionen, auf die das Vermögen der Eheleute taxiert worden war, hatten offenbar innerfamiliäre Begehrlichkeiten geweckt. Dass der Enkel längst schon nicht mehr studiert haben soll? Das wussten angeblich alle in Ronsdorf und einige im Umfeld der Opfer — nur der Opa nicht.

Die Anklageerhebung

Dass nach monatelangen Ermittlungen am 17. November 2017 überhaupt Anklage erhoben worden war, dürfte wohl einem Zufall zu verdanken sein. Drei Monate nach dem Verbrechen in Ronsdorf hatte es auf der A3 bei Leverkusen gekracht. Ein SEK-Kommando hatte dort zwei Männer überwältigt, die zuvor bei einem Waffenhändler zwei halbautomatische Kurzwaffen erworben hatten. Einer der beiden dort Festgenommenen: Ioannis P. der 45-jährige Geschäftspartner von Benjamin S. Beide verbunden in einer Firma für Strom- und Gasverträge, die von einer Zeugin später vor Gericht als "Drückerkolonne" abgekanzelt wurde. Die DNA des vermeintlichen Komplizen hatte man in der Villa der Springmanns gefunden — auf einem Kissen neben einem der Opfer. Bei der Staatsanwaltschaft war man schnell überzeugt: Die Lebenslüge des Benjamin S. drohte aufzufliegen und der allseits als konsequent bekannte Großvater hätte den Geldhahn zudrehen und ihn enterben können. Habgier als Motiv? Staatsanwalt Hauke Pahre genügte das jedenfalls, um Benjamin S. auf die Anklagebank zu setzen. Ioannis P. hingegen habe das Ausbleiben der finanziellen Alimentierung durch den Springmann-Enkel befürchten müssen. Beide sollen gemeinsam den Tatplan umgesetzt haben. Belastend hinzugekommen seien am Tatort und im Auto von Benjamin S. sichergestellte Faserspuren. Außerdem sei er der Letzte gewesen, der die beiden Opfer lebend gesehen habe. Zum sonntäglichen Kaffeetrinken, zwischen 16.30 und 17.30 Uhr — und damit in dem von der Staatsanwaltschaft angegebenen Zeitraum, in dem Christa und Enno Springmann gewaltsam zu Tode gekommen sein sollen.

Der Prozess

So jedenfalls stand es in der Anklageschrift, die zum Prozessauftakt am 23. März verlesen wurde. Danach über mehr als 40 Verhandlungstage hinweg im Zeugenstand: Weggefährten, die in Enno Springmann den geradlinigen Unternehmer mit Haltung und Rückgrat gesehen haben wollen. Diverse Frauen, die von dessen "Fisternöllchen" erzählten. Ambitionierte Privatermittler, dubiose Knastbrüder und selbst ernannte PR-Strategen, die immer neue Verschwörungstheorien ins Gespräch brachten. Gehörnte Exfreundinnen des Sohnes der Springmanns, dem man — zwischenzeitlich ebenfalls in Verdacht geraten — wohl gerne irgendwas angehängt hätte. Dass ihn die Ermittlungsbehörden aus Sicht der Verteidigung allzu flott aus dem Kreis der Verdächtigen entlassen haben sollen, war über viele Prozesstage hinweg Grund für heftige Debatten. Hinzu kam ein psychiatrischer Gutachter, der beiden Angeklagten attestierte, kein aggressives Potenzial für die Tat zu haben. Der Enkel sei ein Angeber, der mitangeklagte Geschäftspartner ein treu sorgender Familienvater und allenfalls von Zwangsneurosen getrieben: Die Persönlichkeiten passen aus Expertensicht nicht zum Täterprofil! Also ein Auftragskiller? Verschwörungstheorien, die auf dem Gerichtsflur diskutiert wurden. Die Plädoyers machten den Debatten ein Ende: Die Staatsanwaltschaft forderte lebenslänglich für beide Angeklagten unter Anerkennung der besonderen Schwere der Schuld. Das forderte auch der als Nebenkläger beteiligte Sohn der Springmanns gegen seinen eigenen Sohn. Die Verteidigung hingegen plädierte auf Freispruch.

Die Urteilsverkündung

Und das Schlusskapitel? Für Prozessbeobachter und offenbar auch für die Anwälte der Angeklagten überraschend! Einmal lebenslänglich wegen Totschlags und Mordes unter Anerkennung der besonderen Schwere der Schuld für Benjamin S. Und der Freispruch aus Mangel an Beweisen für dessen mitangeklagten Geschäftspartner. Der eine geht nach Hause, der andere für vermutlich mehr als 20 Jahre hinter Gitter. Begründet wurde das Urteil damit, dass Ioannis P. zwar am Tatort gewesen sein müsse, man ihm jedoch keine unmittelbare Tatbeteiligung nachweisen könne. Man habe Restzweifel nicht aufklären können, daher gelte `im Zweifel für den Angeklagten´. Der Enkel der Springmanns sei hingegen nachweislich zur Tatzeit am Tatort gewesen.

Und wie geht´s nun weiter?

Folgt man der Argumentation des Gerichts, dann hat es einerseits keine Verabredungen zur Tat gegeben und dennoch sollen beide Angeklagten gemeinsam zum Tatort gefahren sein. Ioannis P. hätte grundlos vor dem Haus herumgestanden. Die Kammer geht von einer spontanen Affekttat des Enkels aus. Erst die Großmutter bewusstlos schlagen und dann auf den Opa einschlagen und ihn erdrosseln, um später minutenlang die Schlinge um den Hals der noch lebenden Großmutter zuzuziehen: Traut man einem vor Gericht selbstbewusst auftretenden und gleichermaßen unsicher wirkenden Enkel eine solch brutale Tat wirklich zu? Aus Sicht des Gerichts müsste Benjamin S. dann noch seinen ahnungslos vor der Türe wartenden Geschäftspartner gebeten haben, ihm bei der Umlagerung der Leiche des Großvaters zu helfen. Und der packt dann einfach mit an? Das Gericht scheint all das für möglich zu halten.

Was nach einem solchen Urteil bleibt: Fragen über Fragen! Die Verteidiger von Benjamin S. hatten gleich nach der Urteilsverkündung ihre Revision angekündigt, die Staatsanwaltschaft hat sie mittlerweile gegen den Freispruch von Ioannis P. eingelegt. Möglicherweise wird sich eine andere Kammer nun also nochmals mit den Details der Springmann-Morde befassen. Man darf gespannt sein — vor allem auf die Aussagen der ehemals gemeinsam Angeklagten, die das Urteil nun auch im Geiste voneinander getrennt haben dürfte.

Unter wuppertaler-rundschau.de finden Sie die Berichterstattung über alle 42 Verhandlungstage

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