29. Tag im Springmann-Prozess: Gute Paraden trotz geringem IQ?

29. Tag im Springmann-Prozess : Gute Paraden trotz geringem IQ?

Ein Rückblick: 14. Mai, es war der 12. Verhandlungstag im Springmann-Prozess. Zwei Kripobeamte hatten ausgesagt — und dann war da dieser Knastkumpel von Benjamin S. im Zeugenstand. Der hatte munter drauflos geplaudert und ließ das Gericht freizügig teilhaben an dem, was der Enkel der Springmanns ihm bei gemeinsamen Hofgängen anvertraut haben soll.

In der Kurzversion hörte man von ihm das hier: Benjamin S. habe ihm gesagt, sein Geschäftspartner habe mit dem Mord zu tun. Dessen DNA soll man im Haus von Christa und Enno Springmann gefunden haben. Dabei zitierte der Zeuge den Enkel der Springmanns mit diesen Worten: "Alles nur wegen dem Idioten, sonst wäre nichts herausgekommen." Von seinen Großeltern soll Benjamin S. im Monat 20.000 Euro bekommen haben.

Dessen größtes Problem sei nun, dass er seinen Geschäftspartner am Tattag mehrmals auf dem Handy angerufen habe. Die Anrufe seien ein Fehler gewesen. Nur dadurch sei der Verdacht auf ihn gefallen. Es werde aber nicht herauskommen, dass er mit er Tat zu tun habe, weil sein Geschäftspartner nicht reden würde. Es gäbe den Plan, über seine Anwälte Kontakt zu ihm aufzunehmen, damit der alles auf sich nehme. Außerdem habe ihm Benjamin S. gesagt, dass man die Tat zusammen geplant und alles durchwühlt habe, um es nach einem Raubmord aussehen zu lassen.

Fazit: Der Knastkumpel erwies sich als wenig kumpelhaft. Stattdessen entpuppte er sich als ein Belastungszeuge, wie er im Buche steht. Derartige Aussagen in einem Mordprozess hätten jedem Verteidiger sofort Schweißperlen auf die Stirn getrieben. Und sie taten es auch bei den Verteidigern von Benjamin S., die den Zeugen kurzum ins Kreuzverhör nahmen. Der hielt dagegen, wiederholte seine Aussage am nächsten Verhandlungstag nahezu widerspruchsfrei und konnte sich an Fakten und Details erinnern. Die Argumente der Verteidigung: Er wisse das alles nur aus der Zeitung. Er habe bei einem Überfall eine Kopfverletzung erlitten und sei deshalb weder belastbar noch glaubwürdig.

Da kam sie einmal mehr aufs Tapet, die Frage nach der Glaubwürdigkeit: Eine wichtige Sache in einem Indizienprozess wie diesem. Erschüttern lässt sich so was am ehesten durch das Gutachten eines Sachverständigen. Und der wiederum sagte nun am mittlerweile 29. Verhandlungstag aus. Mehrere Stunden hatte er zuvor mit dem ehemaligen Knastkumpel von Benjamin S. gesprochen und festgestellt: "Der 29-Jährige bewegt sich mit einem IQ zwischen 70 und 75 an der Grenze zur geistigen Behinderung und auf dem Niveau eines neunjährigen Kindes." Er könne sich keine drei Worte merken, lasse sich von anderen beeinflussen und schweife in endlose Gedankenschleifen ab.

Unterm Strich also ein Zeuge, dessen Glaubwürdigkeit man guten Gewissens in Zweifel ziehen könnte. Wären da nicht die Widersprüche zu seinem Auftritt bei Gericht. Keineswegs hatte er dort jemandem nach dem Mund geredet und noch viel weniger trat er als einer dieser "Ja-Sager" auf, die sich alles von anderen einflüstern lassen. Im Gegenteil: Bei den Mithäftlingen hatte er sich mit seiner Aussage keine Freunde gemacht. Die warfen ihm danach vollmundig vor, einen der "eigenen Leute" verpfiffen zu haben.

Und auch die Angriffe der Verteidigung hatte der Zeuge pariert. Möglicherweise kann er in einem Test keiner drei Worte erinnern — allerdings konnte er das, was Benjamin S. ihm gesagt haben soll, auch noch Tage nach seiner ersten Aussage wiederholen, ohne sich in Widersprüche zu verstricken. Und das war keineswegs weitschweifend, sondern sehr konkret. Aus der Zeitung konnte er vieles davon auch nicht gewusst haben, weil man derart konkrete Details dort zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht hätte lesen können. Am Ende bleiben Widersprüche und die Erkenntnis: Einen Zeugen mit einem Gutachten aus dem Spiel zu kegeln ist gar nicht so einfach.

Klar ist mittlerweile hingegen, dass es nur noch eine unbekannte DNA-Spur gibt - die am Halstuch von Christa Springmann. Die Auftragskiller-These ist dennoch nicht endgültig vom Tisch.

Für den kommenden Verhandlungstag haben die Anwälte von Benjamin S. den Beginn von dessen Einlassungen zur Sache angekündigt. Der Enkel der Springmanns wird erst mal nur erzählen, was er an den Tagen vor der ihm vorgeworfenen Tat gemacht hat.

Ist ein Geständnis zu erwarten? Danach gefragt, schüttelten die Verteidiger den Kopf.

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