21. Tag im Springmann-Prozess: DNA-Spuren belasten Angeklagten schwer

21. Tag im Springmann-Prozess : DNA-Spuren belasten Angeklagten schwer

Man hätte es ahnen können, für Prozessbeobachter kam es nicht gänzlich unerwartet und dennoch war es wohl der sprichwörtliche Paukenschlag: Eine von mehreren DNA-Spuren belastet den mitangeklagten Geschäftsführer von Benjamin S. schwer.

Gefunden wurde sie auf dem Kissen im Bett von Enno Springmann, neben dessen Blut.

Von ihm weiß man mittlerweile, dass er Fremde niemals ins Haus gelassen hätte. Und der 44-jährige war ganz sicher niemand, den er vor seinem Tod empfangen hätte. Dazu noch im Schlafzimmer des Unternehmers, den man nach dem Gewaltverbrechen neben seinem Bett liegend gefunden hatte. Der Angeklagte selbst schloss die Augen, als der Gutachter bei besagter Spur des damals noch anonymisierten IP1972 angelangt war. Ein leises Schnaufen auch bei dessen Angehörigen, denen vermutlich ebenso wie allen anderen Prozessbeteiligten klar wurde: Diese eine Spur könnte in einem Indizienprozess wie diesem entscheidend sein.

Blutanhaftungen von Enno Springmann auf einer modischen "Jack&Jones"-Mütze und im Audi des angeklagten Enkels. Dazu Faserspuren an der Leiche und dieselben Spuren auf dem Fahrersitz, dem Beifahrersitz und im Kofferraum des Autos: Es gab noch weitere Spuren, die auch Benjamin S. durchaus belasten können. Allerdings fehlt ihnen die Klarheit dieser einen DNA-Spur an einem Ort, zu dem dessen Geschäftspartner niemals Zugang gehabt haben dürfte.

Allenfalls durch gewaltsames Eindringen — und auch das würde Fragen aufwerfen. Könnte es nur einen Täter gegeben haben? Glaubt man dem Faserspurenexperten, wohl eher nicht. Denn der müsste dann auf dem Fahrersitz und dem Beifahrersitz gleichermaßen gesessen haben. Ein unwahrscheinliches Szenario. Hinzu kamen übrigens noch sichergestellte DNA-Spuren eines Stiefbruders von Benjamin S., der dadurch möglicherweise auch noch ins Blickfeld der Anklage rücken könnte.

Symbolfoto. Foto: Redaktion

Es wurde allerlei Belastendes in den Raum gestellt und von der Verteidigung eifrig wegdiskutiert. Bis hin zu dem Vorwurf, der ganze Prozess sei eine einzige Farce und es sei einseitig ermittelt worden. Unübertroffen blieb aber auch diesmal ein Daueraufreger, der schon in den vergangenen Prozesstagen für Kopfschütteln gesorgt hatte. Eine langjährige Geliebte Enno Springmanns hatte im Zeugenstand ausgesagt — allerdings nur mittels Videovernehmung. Die 83-jährige fürchtet offenbar die Konfrontation mit den mutmaßlichen Mördern und hatte sich von ihrem Kardiologen zuvor attestieren lassen, der belastenden Situation im Gerichtssaal nicht gewachsen zu sein.

Schon vor besagter Videovernehmung hatte das bei den Verteidigern von Benjamin S. deutliches Missfallen hervorgerufen. Man hätte gerne die Öffentlichkeit ausgeschlossen — und als dieses Anliegen von der Kammer nicht entsprechend gewürdigt wurde, schoss man sich auf die Zeugin selbst ein. Als die Seniorin nach der mehr als dreistündigen Vernehmung per Video den bohrenden Fragen der Verteidigung nicht mehr folgen konnte, nahm man das zum Anlass, ihren Geisteszustand überprüfen zu lassen. Mögliche Anzeichen einer vaskulären Demenz: So die Verdachtsdiagnose der Verteidiger von Benjamin S.

Was auch immer die Zeugin gesagt hat oder noch sagen könnte: Aus Sicht der Verteidigung scheint es derart belastend zu sein, dass man keine Mühen scheut, um deren Aussage von der Liste der verwertbaren Einlassungen streichen zu können. Nach einer vom Gericht angeordneten Begutachtung durch den psychiatrischen Sachverständigen ist nun klar: Die Frau ist nicht nur geistig vollkommen gesund und ohne jegliche Anzeichen von Demenz, sondern in einigen Bereichen sogar hochintelligent. "Ich habe das Leben gesucht und es gefunden": Beeindruckende Worte einer 83-jährigen, die dem Gutachter aus ihrem bewegten Leben erzählt hatte. Dazu gehörte auch Enno Springmann und dessen offenbar kurz vor seinem gewaltsamen Tod geäußerte Worte, dass sein Enkel in die "Verbrecherfußstapfen" seines Sohnes treten würde.

Als Zeugin vor Gericht geladen und mit dem Verdacht auf Demenz wieder entlassen: Das allein dürfte aus Sicht der alten Dame schon eine Zumutung gewesen sein. Nun allerdings kam es noch kurioser für die Frau, der die Verteidiger von Benjamin S. nach ihrer Begutachtung unterstellen, das Gericht getäuscht zu haben. Geistig und körperlich nicht nur gesund, sondern auch noch ausgesprochen fit? Ja, dann hätte sie doch gleich im Gerichtssaal aussagen können. Die Frau habe gelogen und deren Arzt stehe nun aus Sicht der Verteidigung unter dem Verdacht, ein Gefälligkeitsattest ausgestellt zu haben.

Da krachte es plötzlich ganz ordentlich. "Das ist grenzwertig nah an der falschen Verdächtigung", war von der sichtlich aufgebrachten Staatsanwältin zu hören. Deutliche Worte auch vom Vorsitzenden Richter an die Adresse der Verteidiger: "Das ist schon starker Tobak."

Und wie geht's nun weiter mit der Zeugin? Muss ein neues Gutachten eingeholt werden? Wird sie im Gerichtssaal aussagen — und wenn ja, dann nochmals ganz von vorn? Richter Robert Bertling reagierte besonnen und nahm die Sache ernst, man werde nun in aller Ruhe und mit der gebotenen Sorgfalt darüber beraten.

Bei einem Schachspiel würde man wohl von einer klugen Verteidiger-Strategie sprechen. Den Gegner schwächen und ihn am besten gleich noch mit seinen eigenen Mitteln schlagen. Des öfteren mäandert durch die Gerichtsflure die Mär von Zeugen, die von der Verteidigung "gegrillt" werden. Gemeint ist damit meist das Kreuzverhör — nun jedoch scheint eine weitere Facette des Weichkochens hinzugekommen zu sein.

Mehr von Wuppertaler Rundschau