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Tanztheater Wuppertal Pina Bausch

Tanztheater Wuppertal Pina Bausch : Eine Saison des Übergangs

Die derzeitige Intendantin Bettina Wagner-Bergelt und der neue Intendant Boris Charmatz haben am Freitag (13. Mai 2022) den Spielplan für die Saison 2022/2023 des Tanztheaters Wuppertal Pina Bausch präsentiert.

Mit dabei waren Matthias Nocke (Kulturdezernent der Stadt Wuppertal) und Dr. Rolf-Jürgen Köster (Vorsitzender des Aufsichtsrats).

Nocke begrüßte Boris Charmatz als einen der wichtigsten Erneuerer der Tanzkunst weltweit, der ideale Voraussetzungen mitbringe, um Repertoire und Neukreationen erfolgreich zu verbinden und das Ensemble in eine tragfähige Zukunft zu führen.

„Als Vertreter der sogenannten Konzeptkunst arbeitet Boris Charmatz neben eigenen originären choreographischen Arbeiten seit vielen Jahren an von ihm neu entwickelten Produktionen wie zum Beispiel ,20 danseurs pour le XXe siècle / 20 TänzerInnen für das 20. Jahrhundert‘ oder ,La Ronde / Der Reigen‘. Formate, die sich auf besondere Weise dem Körpergedächtnis von TänzerInnen widmen und so – sehr lebendig – ein Bild des universellen, kulturellen Tanzerbes vermitteln“, so Nocke. „Boris Charmatz wird das Ensemble des Tanztheaters über von ihm entwickelte Großprojekte und vor allem auch über eine viel intensivere Verankerung der Arbeit des Ensembles in der Stadtgesellschaft in seiner Kreativität fördern, weiterentwickeln und ganz neu Horizonte eröffnen. Eine große Bereicherung für die Stadt Wuppertal und das Tanzland Nordrhein-Westfalen.“

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Die Saison 2022/2023, kollektiv entwickelt von Bettina Wagner-Bergelt, Roger Christmann, Robert Sturm und Boris Charmatz, versteht sich als eine Saison des Übergangs. Als Scharnier zwischen den Spielzeiten 2021/22 und 2022/23 fungiert eine Kooperation mit dem Von der Heydt-Museum. Am 21. August findet die Eröffnung der Ausstellung mit Werken der Amerikanerin Senga Nengudi statt. Julie Anne Stanzak wird dort an einem Tag im Monat eine tänzerische Intervention in legendären, aus Damenstrumpfhosen gefertigten Skulpturen Senga Nengudis präsentieren.

Neben zahlreichen Wiederaufnahmen von Stücken Pina Bauschs wird das Ensemble drei Neueinstudierungen zentraler Werke der Choreographin zeigen: „Café Müller“, „Kontakthof“ sowie die internationale Koproduktion „Água“. Internationale Gastspielreisen führen das Ensemble nach Luxemburg, Helsinki, Ottawa, Montreal, New York, Ludwigsburg, Montpellier und Paris.

Parallel zu der Arbeit am Repertoire werden die Tänzerinnen und intensiv mit Boris Charmatz im Studio arbeiten, gemeinsam recherchieren, experimentieren, improvisieren und Visionen und Konzepte für die Zukunft entwickeln.

Ein Highlight der Spielzeit 2022/2023 soll der erste gemeinsame dreiteilige Abend der Pina-Bausch-Foundation und des Tanztheaters Wuppertal mit einer Wiederaufnahme und einem Gastspiel werden: Das Wuppertaler Ensemble zeigt mit „Café Müller“ ein weiteres Schlüsselwerk von Pina Bausch von 1978. Es wird die erste Wiederaufnahme unter Leitung des neuen Intendanten und ist eine der seltenen Gelegenheiten, das Stück zu Musik von Henry Purcell mit Orchester und Sängerinnen und Sänger zu sehen.

Im Duett „common ground[s]“ (2021) begegnen sich die senegalesische Tänzerin Germaine Acogny und Malou Airaudo (ehemals TTW). Tänzerinnen und Tänzer aus 13 afrikanischen Ländern tanzen dann Pina Bauschs Meisterwerk „Das Frühlingsopfer“ (1975) zur Musik von Igor Stravinsky. In Wuppertal tritt das eigens für diese Produktion zusammengestellte Ensemble zum ersten Mal mit Orchester auf.

Das erste große Projekt, gezeichnet von Boris Charmatz, mit dem Ensemble mit dem Titel „Wundertal“ ist für Mai 2023 angekündigt: „In meinen Augen könnte die Kompanie eine ,Dancing in the rain‘-Kompanie werden, die nicht nur ein Opern- und Theater-Ensemble ist (das natürlich auch), sondern auch lokal verwurzelt ist. Wohin man auch geht, nach draußen, in die Museen, in die Natur des Ruhrgebiets, überall findet man Reminiszenzen an die Kohle, den Stahl und die Textilindustrie.“

Im Mai 2023 wird das Tanztheater Wuppertal ein bedeutendes Event mit dem Titel „Wundertal“ vorstellen, zu dem auch eine große Performance auf einer Straße der Stadt mit 200 TänzerInnen, Laien, Studierenden und SchülerInnen der Stadt und aus der Umgebung gehören wird. „Vielleicht wird es regnen, vielleicht wird es windig oder zu heiß sein. Auf jeden Fall wird dieses Event einen Vorgeschmack von dem geben, was wir in Zukunft ausprobieren und planen werden. Das Ensemble wird ein unglaublicher Kraftspender sein, um die Körper und die Stadt Wuppertal in Bewegung zu versetzen“, so Charmatz.

Verstärkt wird das Ensemble des Tanztheater Wuppertal bei solchen Projekten von „[terrain]“, dem Team, mit dem Boris Charmatz in Hauts-de-France arbeitet, spezialisiert auf In-situ-Projekte, zum Beispiel in Museen, in der Landschaft, in Bahnhöfen, auf Brachflächen – in Frankreich und auf der ganzen Welt.

Mit dem Projekt „[terrain]“ will Boris Charmatz als neuer Leiter des Tanztheaters Wuppertal Pina Bausch einer völlig neuen künstlerischen Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Frankreich choreografische Impulse geben durch Kreationen, die bei Wind und Wetter, Sonnenschein und Regen und im Freien realisiert werden und das lebendige Repertoire der legendären Choreografin ergänzen sollen.

„Die Verbindung von Tanztheater Wuppertal und ,[terrain]‘ befördert eine große Komplementarität und birgt als Kooperation zwischen Deutschland und Frankreich enorme Potentiale, die wir noch entwickeln können und sollten“, so Charmatz, „es gibt ja bereits wirtschaftliche, kulturelle und strategische Kooperationen zwischen den beiden Regionen Nordrhein-Westfalen und Hauts-de-France.“

Der Aufsichtsratsvorsitzende Dr. Rolf-Jürgen Köster würdigte die Arbeit der scheidenden Intendantin, die im Sommer 2022 das Ensemble verlässt: „Wir sind Bettina Wagner-Bergelt sehr dankbar, dass sie sich 2018 so kurzfristig entschieden hat, das Ensemble in diesen sehr schwierigen Zeiten und stürmischen Jahren zu unterstützen und zu begleiten. Ein Ensemble, das zerrissen war zwischen der Trauer um den plötzlichen Tod von Pina Bausch, dem Anspruch das Werk lebendig zu halten und weiterzutragen und der Sehnsucht nach kreativen Prozessen und neuen Impulsen.“

Wagner-Bergelt setzte den Fokus während ihrer Intendanz von 2019 bis 2022 auf eine Öffnung des Ensembles und die Neuorientierung der Besetzungs- und Einstudierungsprozesse, auf eine kontextualisierte Repertoire- und Werkzyklusbildung und auf die Ermöglichung neuer Erfahrungen jedes Einzelnen in der Arbeit mit anderen Künstlerinnen und Künstlern. Sie initiierte zahlreiche Kooperationen mit lokalen und internationalen Kunstschaffenden und Institutionen. Über Diskussionsforen in unterschiedlichen Konstellationen weckte sie das Interesse an aktuellen Diskursen über Alter im Tanz, Genderfragen, Postkolonialismus, Rassismus und Nachhaltigkeit.

„Ein großes Anliegen war mir auch die künstlerische und personelle Situation des Ensembles zu konsolidieren und jeden Einzelnen in seiner Entwicklung zu fördern und zu unterstützen. Dazu gehört auch, dass man seinen Ensemblemitgliedern ermöglicht, phasenweise in Produktionen von anderen Künstlern mitzuwirken oder eigene Arbeiten zu entwickeln und mehr“, sagt Wagner-Bergelt. „Ich habe immer großen Wert darauf gelegt auf eine stärkere Vernetzung in die Stadt hinzuwirken. Es ist großartig, dass Boris Charmatz vorhat Wuppertal einzubeziehen in seine künstlerischen Projekte und der Plan einer Kooperation mit Frankreich, das ja nicht weit weg ist, ist, glaube ich, ein kräftiger goldener Schimmer am Horizont für die zukünftige Identität des Ensembles, das kann nur sehr spannend und aufregend werden.“