Wuppertals Chronik 2018: H wie haarsträubend

Wuppertals Chronik 2018 : H wie haarsträubend

Wenn der Fall ein Sonntagabend-"Tatort" im Fernsehen gewesen wäre, dann hätte ich wahrscheinlich gesagt, der Drehbuchautor habe übertrieben. Das Drama um die Ermordung des Unternehmer-Ehepaars Enno (91) und Christa (88) Springmann und seine juristische Aufarbeitung ist aber traurige Wuppertaler Realität.

Im März 2017 wurden die Opfer, deren Vermögen man auf rund 30 Millionen Euro schätzt, tot in ihrer Ronsdorfer Villa gefunden. Ein Jahr später begann der Prozess gegen den der tatverdächtigen Enkel Benjamin S. und seinen Geschäftspartner Ioannis P. — und damit der mehr als 40 Verhandlungstage lang währende verstörende Blick hinter die Kulisse einer bis dahin hoch geachteten Familie aus der lokalen Society.

Was über das (Intim-)Leben von Enno Springmann, den angesehenen Industriellen, Stifter und Stadtverordneten, an Details zu Tage gefördert wurde, ist immer noch Stadtgespräch. So ein Verfahren mit bekannten Gesichtern im Zeugenstand, dem Waschen jeder Menge schmutziger Familienwäsche, Aussagen zu eigenwilligen Testamenten, möglichen Erbfolgen und die teils atemberaubende Alimentierung von Angehörigen habe ich noch nie erlebt. Wie sehr das Thema die Wuppertaler bewegte, spiegelte sich auch in der bemerkenswerten Zahl der Seitenaufrufe bei unserer aktuellen Prozessberichterstattung im Internet.

Und das Springmann-Rad wird sich wohl auch nach dem für viele Beobachter überraschenden Ausgang des Indizienprozesses weiterdrehen. Denn gegen die Verurteilung des Enkels zu lebenslanger Haft wegen Totschlags und Mordes unter Anerkennung der besonderen Schwere der Schuld wollen dessen Verteidiger in Revision gehen. Und den Freispruch für den Mitangeklagten aus Mangel an Beweisen will die Staatsanwaltschaft anfechten.

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