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„Früher wurde weggesperrt...“


Verein „Behindert - na und?“: Teilhabe ermöglichen statt „Integration“


„Inklusion ist die logische Konsequenz für ein würdiges Zusammenleben behinderter und nichtbehinderter Menschen“, findet Lorenz Bahr. Foto: privat


Von Eduard Urssu

Seit 1984 engagiert sich der Verein „Behindert – na und?“ für eine würdige Teilhabe von Menschen mit Handicaps in der Gesellschaft. „Behindert – na und?“ war ursprünglich der Titel eines Volkshochschulkurses, bei dem sich Menschen mit und ohne Behinderung über Probleme austauschen konnten“, erinnert sich Lorenz Bahr, Geschäftsführer des Vereins. Nach Kursende gründeten die Teilnehmer den Verein mit dem gleichnamigen Titel.
„Das Ziel des Vereins war die Durchsetzung der Rechte von Menschen mit Behinderung“, sagt Bahr. Dabei gehe es eigentlich um ganz selbstverständliche Dinge: „Wann stehe ich auf, wann esse ich, oder wann werde ich gewaschen oder wasche mich selber.“ So selbstverständlich sich das für nichtbehinderte Menschen anhört, so unglaublich schwierig kann das für Menschen mit Behinderungen sein – bis heute.
Für den Verein „Behindert – na und?“ ist das alltägliche Arbeit. So unterhält der Verein Angebote für Kinder mit Behinderung und deren Eltern sowie für Erwachsene mit Behinderungen. Dazu gehören unter anderem, individuelle Schwerstbehindertenbetreuung, aber auch Physiotherapie, Ergotherapie und Logopädie.
Doch eine aktive Teilnahme am gesellschaftlichen Leben ist nicht allein dadurch zu gewährleisten, dass Behinderte fit für die Gesellschaft gemacht werden. „Vielmehr muss die Gesellschaft auch bereit sein, behinderte Menschen teilhaben zu lassen“, fordert Bahr. Dass es da verschiedene Ansätze und Konzepte gibt, ist ihm auch bekannt: „Früher wurden diese Menschen weggesperrt, da machen wir uns mal nichts vor. Erst mit den Lebenshilfen, die ein sehr behütendes Konzept verfolgten, setzte ein Umdenken ein. Übrigens waren es auch hier Elterninitiativen.“
Doch diese Form des Umgangs mit behinderten Menschen geht dem Verein nicht weit genug. Das Stichwort heißt hier Inklusion, so wie es in der 2006 verabschiedeten UN-Behindertenrechtskonvention gefordert wird. Allerdings wurde anfänglich der englische Begriff in der Originalfassung fälschlicherweise oft mit Integration übersetzt. Dabei gehe die Bedeutung von Inklusion deutlich weiter als Integration. „Es ist die völlige Umkehr. Nicht die behinderten Menschen müssen integriert werden, sondern die Gesellschaft muss ihnen die Möglichkeit geben, teilhaben zu können“, klärt Bahr auf.
Exklusion, Separation und Integration – es sind unterschiedliche Modelle eines Zusammenlebens und Teilhabe an der Gesellschaft oder auch nicht. Doch wie ist es in Zeiten ständig klammer Kommunen überhaupt machbar, eine Inklusion behinderter Menschen zu ermöglichen, wo doch alles von der Finanzlage der Gemeinden abhängig ist?
„Totschlagargument“
Das stimme so nicht, meint Bahr: „Dieses Totschlagargument ’Wir haben dafür kein Geld’ ärgert mich schon sehr. Schließlich gibt es Fördermittel für jedes behinderte Kind von rund 16.000 Euro. Also wenn zum Beispiel ein Aufzug in einer Schule eingerichtet werden muss, so können diese Mittel beantragt werden. Diese Fördermittel hat die Stadt Wuppertal aber bis heute nicht einmal abgerufen“, weiß der Geschäftsführer.
„Behindert – na und?“ beschäftigt über 250 Mitarbeiter, davon 50 Ehrenamtliche, und hilft Eltern von behinderten Kindern bereits vor deren Geburt an. „Wir arbeiten mit den Ärzten des Instituts für Pränatale Medizin und Humangenetik zusammen, damit wir Eltern schon frühzeitig mit Rat und Tat zur Seite stehen können. So verzweifeln Eltern oftmals schon bei der Antragstellung eines Behindertenausweises – das muss nicht sein“, findet Lorenz Bahr. Der Verein an den Arrenbergschen Höfen 4 ist unter Telefon 87 02 30 erreichbar.


15.02.2012
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