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"Wir beziehen unseren Reiz aus den Gegensätzen"

Top Magazin: "Wir beziehen unseren Reiz aus den Gegensätzen"
Vier mit einem großen Tango-Herzen: Fabián Carbone, Julia Jech, Boris Franz und Juliane Birkenholz von links vor dem Clarenbach-Denkmal in Blickrichtung Wuppertal. FOTO: Görgens
Wuppertal. Das "Fabián Carbone Cuarteto" fühlt sich fest verwurzelt in Wuppertal, der Tango-Geheimtipp-Stadt. Von Manfred Görgens

Hausmusik klingt nach Ringelpiez, also nicht wirklich einladend. Dennoch bittet die gebürtige Wuppertalerin Julia Jech seit ihrem Umzug ins Luisenviertel hin und wieder zur Hausmusik. Geladen sind Freunde und Freunde von Freunden, die längst wissen, was das Programm geschlagen hat: Tango, Piazzolla, ganz viel Piazzolla und Tango sowieso. An Glückstagen besteht dabei die Chance, neben der Geigerin Jech auch Fabián Carbone zu erleben, den Bandoneon-Spieler aus Buenos Aires, der von Elberfeld inzwischen mehr gesehen hat als so mancher Barmer.

Carbone und Jech, Jech und Carbone – als Tango-Duo haben sich die beiden inzwischen durch die meisten bergischen Lokalitäten gespielt, die auf ihren Bühnen handgemachte Livemusik präsentieren. Seit 2014 ist eine neue Dimension gewachsen: das Fabián Carbone Cuarteto, vier Musiker mit der gemeinsamen Leidenschaft für Tango und Tanzmusik. Vier Individuen, so muss man ergänzen, die ein Außenstehender nicht unter einem Hut suchen oder dort vereinen würde. "Wir beziehen unseren Reiz aus den Gegensätzen", stellt Julia Jech fest.

Musikalisches Fachgespräch. FOTO: Görgens

Sie selbst outet sich als Tango-Späteinsteigerin. "Mir ist das total auf die Nerven gegangen", erinnert sie sich an die erste Begegnung. Erst während ihres Studiums der klassischen Geige entwickelte sie ihre Liebe, folgte dem Ruf des Tangos ans Konservatorium von Rotterdam und vertiefte die dort erlangten Kenntnisse und Fähigkeiten bei einer Argentinienreise 2012, indem sie Unterricht bei den besten Tangogeigern der Gegenwart nahm. "Tango, das lernt man nicht im Alleingang", lautet ihr Resümee und man darf ergänzen, dass er als Solodarbietung für Tänzer und Musiker in der Regel auch ein geringeres Vergnügen darstellt.

Das Bandoneon indessen zählt zu den Instrumenten, die sich ganz gut auch mal alleine auf einen Tango einlassen können. Und Fabián Carbone ist einer der expressivsten Bandoneonisten seiner Generation. In Buenos Aires in eine Familie von Tangomusikern geboren, war er im Lauf seiner 25-jährigen Karriere als Komponist und Arrangeur in zahlreichen Projekten tätig. Wer die Musik der verstorbenen Komponisten Aníbal Troilo und Astor Piazzolla noch hautnah und in ergreifender Interpretation hören möchte, der wird Carbone schnell schätzen lernen.

Weltmusik mit Lokalkolorit. FOTO: Görgens

In die Niederlande, wo Julia Jech studierte, weisen die beiden anderen Musiker des Quartetts. Juliane Birkenholz, die seit ihrer Kindheit musiziert, entwickelte im Teenageralter ihre Faszination für den Argentinischen Tango, zunächst als Tänzerin, dann als Pianistin. 2009 begann sie mit dem Tangostudium am Rotterdamer Konservatorium und gilt mittlerweile als Di Sarli-Spezialistin.

Boris Franz schließlich ist einer der gefragtesten Tangobassisten in den Niederlanden, wo es wohl kaum ein Tangoensemble gibt, mit dem er noch nicht auf der Bühne gestanden hat. Von Hause aus Jazzbassist, der sein Studium in Amsterdam absolvierte, war er 2013 Wettbewerbssieger beim Doble Ocho-Tangofestival in Nijmegen. Mit dem Fabián Carbone Cuarteto konnte man ihn auch schon im Café Ada erleben.

Stationen in Deutschland, Polen und den Niederlanden hat das Cuarteto hinter sich, aber immer wieder auch in Wuppertal Halt gemacht. Dabei geht es nicht zuletzt darum, in der Stadt die Tangokultur so zu etablieren, dass über den Tanz hinausgeschaut und die Komplexität der Musik verstanden wird.

"Dran bleiben, präsent sein, das ist eine Frage der Penetranz, die aber Zeit und Kraft kostet", sagt Julia Jech. Das Cuarteto dient dabei als Rückhalt. Gemeinsam erforschen die vier Musiker verschiedenste Winkel der traditionellen und modernen Tangomusik. "So, wie sich in Buenos Aires selber Kulturen zu einer ganz eigenen Lebensweise verschmolzen haben, gehen unsere unterschiedlichen musikalischen Hintergründe eine dynamische und facettenreiche Mischung ein."

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