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Für Engels kehrte er nach Wuppertal zurück

Tuffi hat er immer im Koffer
Tuffi hat er immer im Koffer: Walbrecker zeigt das Repro-Bild im Unterbarmer Atelier. FOTO: Asgard Dierichs
Wuppertal. Der erfolgreiche Kinder- und Jugendbuchautor Dirk Walbrecker hat Tuffi immer im Koffer. Von Asgard Dierichs

"Wuppertal ist eine wunderbar merkwürdige Stadt!" Das sagt einer, der das Barmer Elternhaus mit 20 Jahren verlassen hat, um in München das Glück zu suchen. Es folgten Studium, Beruf, Familie, Töchter und ein Umzug ins mittelalterliche Landsberg am Lech. Doch das Bergische hat ihn nie losgelassen: Dirk Walbrecker (74), erfolgreicher Kinder- und Jugendbuchautor, ist zurück und arbeitet in Unterbarmen an einem Roman über den jungen Friedrich Engels.

Rostrotes Sakko, passender Pullover, rotweiß gestreifter Schal. Walbrecker mag es bunt. Wir treffen den gebürtigen Barmer in einer Stadtteilbibliothek. Hier soll er gleich eine Lesung halten zwischen prall gefüllten Regalen. Lockiges, weißes Haar umrahmt ein fröhliches Gesicht. Gespannt verfolgen rund 20 Acht- bis Zehnjährige die Ankunft des Autors. Der bahnt sich am Personal vorbei den Weg durch die Sitzhocker und stellt den braunen Kunstleder-Aktenkoffer auf den Tisch. Die Augen der Kinder werden größer.

Bilder:

Von München zurück nach Wuppertal FOTO: Asgard Dierichs

Er hebt den Deckel an und holt ein Plakat heraus: Tuffi springt aus der Schwebebahn. Dann erzählt er vom Zirkus Althoff, dem Direktor und der Werbefahrt durch Wuppertal. Und hat selbst sichtlich Vergnügen. Auch dass es nie ein echtes Foto vom elefantösen Geschehen am Fluss gab, verschweigt er nicht. Jetzt hängen die Kinder an seinen Lippen. Wie anschließend, als Walbecker zu Robin Hood und den Bogenschützen in Sherwood Forest schwenkt: Das Buch ist eines vieler Klassiker, die er in modernisiert hat.

Beim Foto-Shooting am Engelshaus schwärmt er von alten Zeiten am Gymnasium Siegesstraße, Fußballspielen und Spaziergängen durch die Stadt. Als Jugendlicher habe er sich Wuppertal erwandert, fasziniert auch von Fabriken mit rauchenden Schloten. Mit der Schwebebahn fuhr er zur Schule und genoss bei Dunkelheit die Aussicht in hell erleuchtete Wohnungen.

So groß ist seine Sympathie für die "charismatische Stadt", die Mitte des 19. Jahrhunderts eines der größten Wirtschaftszentren Europas und eine der ersten Industrieregionen Deutschlands war, dass sich Walbrecker einen Zweitwohnsitz im Tal gesucht hat: ein Mini-Atelier an der Friedrich-Engels-Allee. Dort schreibt er an einem Jugendroman aus Sicht des jungen Friedrich Engels. Das Buch soll 2019 bei Thomas Helbig in der Edition Köndgen erscheinen.

Philosoph, Gesellschaftstheoretiker, Historiker, Journalist und kommunistischer Revolutionär: Die Persönlichkeit von Engels hat viele Facetten. Zuallererst war er Sohn eines reichen Textilunternehmers und genoss viele Privilegien als Heranwachsender. Mit Eifer lernte, las, malte und musizierte Friedrich. "Aber er hat in nächster Nähe auch schon die sozialen Unterschiede gesehen. Die Arbeiterkinder mussten in den Fabriken für einen Hungerslohn schwer schuften.

"Im "Manchester Preußens", so Walbrecker, habe Engels eine Jugend mit pietistischem Hintergrund verbracht. Nicht nur hier ähnelt der lang umstrittene Stadt-Sohn dem Autor. Auch Schüler Dirk brannte in der Jugend für Kunst und Kultur, was dem Vater nicht gefiel. Der Junge jobbte bei Köndgen im Lager, investierte alles Geld in Taschenbücher, Theater- und Konzertkarten.

Heute interessieren Walbrecker an Engels die Werte, die ihm wichtig waren. "Er wollte eine gerechtere Welt schaffen!" Bei der Recherche wird der Autor von Fachleuten beraten und unterstützt. Einer davon ist der Historiker Dr. Michael Knieriem, viele Jahre lang Leiter des Historischen Zentrums.

Zwischen 70 und 80 Bücher hat Walbrecker seit 1987 verfasst. Unter den Geschichten finden sich etwa 16 Kinder- und Jugendbuchklassiker, neu erzählt in der Tradition von Erich Kästner: Robinson Crusoe, Gullivers Reisen, Don Quijote, Till Eulenspielgel und Oliver Twist sind Beispiele. Die meisten gibt es auch als Hörbücher, von Walbrecker gesprochen. Für die Kleinsten hat er sich Bilderbücher ausgedacht. In England wurde er für "Die rätselhafte Verwandlung" (2004) ausgezeichnet – eine wundersame Story, die an Kafka erinnert.

"Bennys Hut", sein erstes Werk, erschien 1987. Da war er 42 und hatte ein paar Jahre als Hauptschullehrer hinter sich. Sein prominentester Schüler: Michael "Bully" Herbig. Dem späteren Komiker, Schauspieler, Regisseur und Produzenten riet der Pädagoge zum Tagebuch-Schreiben. Auch in Wuppertal hält er Ideen, Gedanken und Erinnerungen täglich fest.

Die Bücher schreibt er weitgehend mit der Hand. "So kommt es von Herzen!" Dazu zeichnet er großformatige, dramaturgische Entwürfe und Pläne auf Papier. Sollte das in einer Schaffensphase einmal ausgehen, könnte er bei seinem Vermieter und Plattkaller Kurt "Atti" Reinartz nachfragen. Rund um die Uhr. "Denn der besitzt eine Druckerei in Unterbarmen, ist Blues-Musiker und Bassist bei den "Striekspöen".

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