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Besuch auf dem Bauernhof
Die wirtschaftlichen Tausendfüßler

Besuch auf dem Bauernhof: Die wirtschaftlichen Tausendfüßler
Karl Bröcker mit seiner Enkelin Inga. FOTO: Wuppertaler Rundschau / Max Höllwarth
Wuppertal. Seit 570 Jahren bewirtschaftet die Familie Bröcker Höfe im Vohwinkeler Westen. Von Hannah Florian

"Wir waren hier schon immer nicht von gestern", sagt Karl Bröcker, den Blick aus dem Fenster auf den Hof gerichtet. Und das wird wohl auch so stimmen, schließlich feiert die Familie Bröcker in diesem Jahr ein ganz besonderes Jubiläum: 570 Jahre Bauer Bröcker. Die Fuchs-Redaktion hat sich mit Karl Bröcker, dem Senior, zusammengesetzt um sich über Traditionen und Fortschritt, die Familie und natürlich das Wetter zu unterhalten.

Ohne einleitendes Geplänkel beginnt Karl Bröcker sofort mit dem Thema, das ihm in diesem Sommer am meisten Kopfzerbrechen bereitet: das Wetter, die Hitze, die Trockenheit. Wochenlang hatte das Bergische Land keine Regenwolke gesehen. "Hundert Hektoliter Wasser am Tag brauchen allein unsere Bullen. Das habe ich gerade ausgerechnet. Und die 'Garten-Lust‘ und die Blumen sind dann noch nicht bewässert", beginnt Karl Bröcker das Gespräch.

Das Wetter macht dem Bauer Sorgen. "Im Osten schlachten Landwirte ihre Rinder ab. Die kriegen alle den Kopp ab, das kann man ruhig mal so sagen", grollt er. Auf dem Gut zur Linden mussten noch keine Rinder geschlachtet werden – zumindest nicht mehr als gewöhnlich. Eines der beiden Futtersilos ist noch gut bis zur Hälfte gefüllt. Trotzdem weiß der Bauer: Das Futter fehlt nicht jetzt, sondern nächstes Frühjahr. "Aber die Sonne hat noch nie einen bergischen Bauern vom Hof geschienen." Und wenn sie es 570 Jahre lang nicht geschafft hat, dann wird sie es auch jetzt nicht schaffen.

Gedankenverloren lässt der Bauer den Blick über den Hof schweifen. "Es ist schon ein komisches Gefühl, dass sich vor 500 Jahren unsere Vorfahren mit Ochsen und Karren über dieselben Äcker gequält haben", sagt er und dann beginnt er zu erzählen.

1448 war Daniel Bröcker Landwirt auf einem Hof kurz vor Gruiten. Noch heute steht dort ein Schild, auf dem "Zu Bröckers" zu lesen ist. Die Familie wohnt dort nicht mehr. "Aber seit 15 Jahren bewirtschaften wir den Hof wieder. Wenn ich daran denke, kommen mir fast die Tränen", sagt Karl Bröcker. Im Jahr 1630 zog dann ein Ableger des Hofes an den Schrotzberg.

Das Gut Zur Linden aus der Vogelperspektive. FOTO: Bröcker

200 Jahre später, 1830, erwarben die Bröckers den Hof Gut zur Linden dazu, auf dem Karl Bröcker gerade am Kaffeetisch sitzt. "Der Kauf war ein Glücksgriff. Hier in der Nähe sollten die Eisenbahnschienen verlegt werden, und die Bahn war den Menschen unheimlich." Den Bröckers war sie nicht unheimlich. Sie kauften den Hof. Mittlerweile rauschen im Minutentakt Züge am Gut vorbei. Die Familie hat sich daran gewöhnt. "Aber wenn mal der Oberbürgermeister da ist, dann schaut der fast mehr auf die Züge als auf Hof", lacht Bröcker.

Karl Bröcker ist stolz auf das, was seine Familie im Laufe der Jahrzehnte auf die Beine gestellt hat. Trotzdem hatte die Familie mit einigen Schicksalsschlägen zu kämpfen. Einer davon war der Neujahrstag 1945, am Ende des Zweiten Weltkriegs. Eigentlich sollten die Bomben den Verschiebebahnhof treffen. Getroffen haben sie aber das Gut zur Linden und auch den Hof am Schrotzberg. Beide Höfe wurden komplett zerstört, alle Tiere starben.

Karl Bröckers Vater befand sich zur der Zeit in russischer Kriegsgefangenschaft, der Hof wurde verwaltet. Da ein Entscheidungsträger fehlte, lag das Gut zwei Jahre lang brach. 1948 kehrte Bröckers Vater aus dem Krieg zurück, heiratete seine Verlobte und baute das Gut wieder auf. Zu der Zeit wurde Karl Bröcker geboren. "Damals konnten wir keine großen Sprünge machen. Meine Eltern haben aber trotzdem Milch verkauft und Eier verteilt. Das haben wir immer schon so gemacht", erzählt Bröcker Senior.

Höhen und Tiefen hat es eben immer gegeben. Aber das Wichtigste sei, dass die Familie zusammen halte. Und das ist auch heute noch so. Sein Sohn Carsten ist schon jetzt Betriebsleiter für das operative Geschäft. Irgendwann wird er alles übernehmen. "Einer bekommt den Hof", sagt Bröcker. So war es bei ihm, so wird es auch bei seinem Sohn sein.

Einige der "Bewohner". FOTO: Wuppertaler Rundschau / Max Höllwarth

Drei Generationen leben zurzeit auf dem Gut zur Linden: Karl und seine Frau Irmgard Bröcker, Sohn Carsten mit seiner Frau Kathrin und ihren drei Mädchen Inga, Greta und Kira. Seine Enkelinnen halten Karl Bröcker auf Trab. Sollte eine von ihnen irgendwann mal den Hof übernehmen, wäre sie die erste Frau an der Spitze. "Jahrzehntelang hat es hier gar keine Frauen gegeben, weil alle früh gestorben sind", erzählt der Bauer. Mittlerweile, sagt er, spielen die Frauen auf dem Hof wieder eine große Rolle, und das sei auch gut so.

Die Frauen sind es auch, die im Hofladen den Kontakt zu den Menschen aufrecht erhalten. Denn: "Ein Bauer ist nicht nur Bauer, sondern auch Seelendoktor. Er muss mit Menschen umgehen können. Er lebt mit ihnen und gleichzeitig als Dienstleister für sie."

Aber die Menschen sind es auch, die den Bauern das Land wegnehmen. Und das ist für Karl Bröcker mit Abstand das Schlimmste: "Der Flächenentzug und die Siedlungs- und Gewerbebebauung, die sich wie ein Krebsgeschwür in die Landschaft fressen. In der Stadt verkommt alles, und wo gehen sie hin? Immer auf den Acker", beschwert er sich. Als Landwirt ist er auf Fläche angewiesen. Ohne Fläche kann er seinen Hof nicht betreiben, den Bäcker nicht mit Getreide beliefern und die Metzger nicht mit Bullen.

Ohne Fläche gäbe es bei Bröckers keine Blumen zu pflücken und keine "GartenLust" zu bewirtschaften: 50 Gartenparzellen, auf denen Wuppertaler Irmgard und Karl Bröcker mit Inga aus der 17. Generation Bröcker ihr eigenes Obst und Gemüse anbauen können. "Aber die Bröckers waren schon immer wirtschaftliche Tausendfüßler, irgendein Fuß tritt immer dorthin, wo fester Boden ist."

Trotzdem: Das 570. Jubiläum wollen sie nicht groß feiern. "Zurzeit sind andere Dinge wichtiger", sagt der Bauer, der gerade ein Drittel weniger Maisernte einfährt als gewöhnlich. Zum Erntedankfest am 3. Oktober wird trotzdem auf den Hof geladen, zum Gottesdienst, zum Essen und gemeinsamen Feiern.

Zum Schluss des Gesprächs kommen Schwiegertochter Kathrin und Karl Bröckers Frau Irmgard hinzu. Schnell dreht sich das Thema wieder ums Wetter. "Man sät und nichts wird grün", klagt Irmgard Bröcker. Nun heißt es für die Bröckers, die richtigen Entscheidungen zu treffen und richtig zu wirtschaften. Die Nerven sind angespannt. "Aber auch das werden wir überstehen."

Die Geschichte stammt aus der neuen Ausgabe des "Fuchs", dem Stadtteilmagazin der Rundschau und der "Aktion V" für Vohwinkel.

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