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24. Tag im Springmann-Prozess
Wehrhafte Zeugin und Anwalt-Wechsel

24. Tag im Springmann-Prozess: Wehrhafte Zeugin und Anwalt-Wechsel
Symbolfoto. FOTO: Redaktion
Wuppertal. Es war ein zähes Ringen um diese Zeugin. Erst wollte sie nur per Videoschalte aussagen. Die 83-jährige fürchtete um ihre Gesundheit, ihr Kardiologe gab ihr dafür ein Attest. Als sie nach mehr als drei Stunden im Vernehmungsraum nicht mehr konnte, wurde die Zeugenvernehmung abgebrochen. Von Sabine Maguire und Mikko Schümmelfeder

Die Verteidigung glaubte Anzeichen für eine vaskuläre Demenz beobachtet zu haben, die Dame musste sich auf Anordnung des Gerichts vom psychiatrischen Sachverständigen begutachten lassen. Keineswegs dement, stattdessen hochintelligent: Mit dieser psychiatrischen Diagnose als vollkommen fit aus der Begutachtung entlassen, folgte auf Drängen der Verteidigung von Benjamin S. nun die Aussage im Gerichtssaal.

Dort saß also nun - am mittlerweile 24. Verhandlungstag im Springmann-Prozess - eine wehrhafte Zeugin, die sich keineswegs einschüchtern ließ. Man hätte etwas in dieser Art befürchten können nach diesem ganzen Hin und Her um ihre Einlassungen. Gemeldet hatte sie sich kurz nach der Tat übrigens selbst bei der Polizei. In Tränen aufgelöst, wie sie selbst sagt. In tiefer Trauer um Enno Springmann, mit dem sie über 50 Jahre hinweg eine innige, wenn auch außereheliche Beziehung verband.

Sie habe alles sagen wollen, was der Polizei bei der Tätersuche habe weiterhelfen können. Und irgendwann sei da eben auch dieser Satz gefallen, den ihr Enno Springmann vor seinem Tod über Monate hinweg gesagt haben soll: "Der Benni tritt in die Fußstapfen seines Vaters, dieses Verbrechers." So etwas aus seinem Munde zu hören habe sie schon damals aufgeregt. Deshalb will sie davon auch schon bei der ersten polizeilichen Vernehmung kurz nach der Tat erzählt haben. Im Protokoll steht davon nichts. Zwischen dieser ersten und zwei weiteren, darauf folgenden Vernehmungen lagen mehrere Wochen, etliche Presseberichte und auch die Tatsache, dass der Enkel von Enno Springmann mittlerweile zum Tatverdächtigen wurde.

Verständlich, dass die Verteidigung im Nachgang wissen will, wann genau eine derart belastende Aussage gemacht wurde. Immer wieder die gleiche Frage in neuem Gewand: Irgendwann war sich die Zeugin nicht mehr sicher. Kein ungewöhnliches Phänomen im Gerichtssaal, wo es oft um Geschehnisse geht, die Monate oder gar Jahre zurückliegen. Oft inmitten von seelischer Ausnahmesituation erlebt, zuweilen umhüllt von der schützenden Kraft der Verdrängung.

Eine solche seelische Dynamik vor Augen, konnte man sich nur wundern, wie genau sich gerade diese Zeugin an Details aus den letzten Monaten mit Enno Springmann erinnern konnte und wollte. Augenscheinlich war sie eine von wenigen Vertrauten, die nah dran waren an einem Menschen, den zunehmend die Angst umgetrieben haben soll. Vor allem auch vor seinem eigenen Sohn, mit dem der Unternehmer über zwei Jahrzehnte hinweg gebrochen und den er im Elternhaus nicht habe sehen wollen. Zerwühlte Sachen in seinen Zimmern, gestohlenes Geld und zerrissene Fäden, die er überall ausgelegt haben soll, um ihn zu ertappen: Der verstoßene Sohn spukte angeblich überall herum.

Dazu sei auch noch gekommen, dass Enno Springmann gefürchtet haben soll, sein Sohn wolle ihn entmündigen lassen. Er habe sich deshalb sogar ärztlich untersuchen lassen und das Gutachten an einem Ort verwahrt, von dem sie auch gewusst habe. Über Jahre hinweg habe er immer wieder von seinem Sohn als "Verbrecher" gesprochen. Da sei irgendwas mit viel Geld in Brasilien gewesen, Genaueres darüber wisse sie nicht.

"Er hat etliche Insolvenzen hingelegt. Da sind Millionen durchgegangen": Das hatte die Zeugin bereits bei ihrer polizeilichen Vernehmung über den Sohn von Enno Springmann gesagt und nun im Zeugenstand nochmals wiederholt. Nachbarn hätten ihr auch ungefragt etwas von dem dubiosen Umfeld erzählt, in dem der sich bewegen soll. Da sei von "den Leuten um ihn herum" die Rede gewesen, die irgendwas Unredliches gemacht haben könnten. Näher nachgefragt habe sie allerdings nicht.

Bereits an den vergangenen Verhandlungstagen war der Sohn der Springmanns des Öfteren ins Visier der Verteidiger geraten. Bislang als Nebenkläger vom renommierten Strafverteidiger Udo Würtz vertreten, informierte die Kammer zu Verhandlungsbeginn darüber, dass der Sohn der Springmanns nun den Anwalt mit der Nebenklagevertretung beauftragt hat, der ihn bereits zivilrechtlich in Erbangelegenheiten vertritt.

Aus der Perspektive eines Prozessbeobachters und auch mit Blick auf die Aussage der Belastungszeugin ein Verteidigerwechsel, der vielliecht zur Unzeit kam. Mitten im Strom die Pferde zu wechseln, das war möglicherweise keine gute Idee. Die insistierenden Fragen der Verteidigung lassen jedenfalls vermuten, dass man den Sohn der Springmanns keinesfalls aus dem Kreis der Verdächtigen entlassen möchte.

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