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20. Tag im Springmann-Prozess
Weder Fisternöllchen noch Techtelmechtel ...

20. Tag im Springmann-Prozess: Weder Fisternöllchen noch Techtelmechtel ...
Symbolfoto. FOTO: Redaktion
Wuppertal. Bergischer Unternehmer und Fisternöllchen? Wer jetzt meint, das geht nicht zusammen, dem sei gesagt: Doch, es geht. An der Bürotüre die rote Lampe anmachen und ansonsten die gutbürgerliche Fassade aufrecht erhalten: Der mittlerweile 20. Verhandlungstag lieferte pikante Einblicke in den Charakter des bergischen Unternehmers, wie man sie bislang noch nicht kannte. Von Sabine Maguire und Mikko Schümmelfeder

Die wiederum kamen auch für die Verteidigung gänzlich unerwartet, denn die in den Zeugenstand berufene ehemalige Sekretärin von Enno Springmann hatte bislang noch nirgendwo ausgesagt. Durch Zufall war ihre Verbindung zum ehemaligen Chef publik geworden, nachdem sie sich im Zuschauerraum geoutet hatte und prompt als Zeugin geladen wurde.

Große Stücke hielt sie auf Enno Springmann - auch noch Jahrzehnte nach ihrem Wechsel in eine andere Firma. Und nein, sie hätte kein "Fisternöllchen" mit ihm gepflegt. Jeder Kölner kennt diese Umschreibung von "Techtelmechtel", für die sich die Verteidiger von Benjamin S. nach all dem, was bislang über das Liebesleben des Unternehmers in die Öffentlichkeit gelangt war, lebhaft interessierte. Der Kontakt habe sich auf jährliche Geburtstagsbriefe oder Telefonate mit ihrem ehemaligen Chef beschränkt - und das bis kurz vor dessen Tod.

Ihre persönliche Wertschätzung seiner unternehmerischen Leistung könne sie auch klar trennen von einem gewissen Stirnrunzeln, das sein bewegtes Privatleben bei ihr hervorgerufen habe. Da waren sie wieder, die Fisternöllchen, von denen nicht nur in der Firma jeder gewusst habe. Dazu sei auch noch der Ronsdorf-Talk gekommen – man könnte es wohl auch "Dorffunk" nennen. Dort scheint das Springmannsche Familienleben offenbar Dauerthema gewesen zu sein. Tenor: Ein honoriger Bergischer Unternehmer lässt sich nicht scheiden, Liebschaften hin oder her.

Dessen elegante und hübsche, in der Firma zurückhaltend auftretende Ehefrau habe die Zeugin immer bewundert und bekannt sei ja auch, dass deren Geld anfangs seinen Erfolg befeuert habe. Bewundert habe sie auch, dass die beiden gegen den Willen ihres Unternehmervaters geheiratet hätten, der die Verbindung für nicht standesgemäß hielt und bereits einen anderen Schwiegersohn auserkoren hatte.

Ähnliche Vorstellungen habe ihr Chef aber später auch selbst entwickelt. Die nicht standesgemäße Heirat des Sohnes und dazu auch noch dessen Eröffnung eines Restaurants: Das sei wohl der Sargnagel in einer ohnehin schon verkorksten Vater-Sohn-Beziehung gewesen. Der Abbruch des Studiums und dazu noch das aus Sicht des Patriarchen unglückliche Agieren als Geschäftsführer in verschiedenen Firmen - für eine solche Funktion sei der Sohn von Christa und Enno Springmann ohnehin zu still und zurückhaltend gewesen. Hinzu kam, dass Enno Springmann der wirtschaftliche Niedergang der Firma, für den er den Sohn mit verantwortlich machte, zutiefst deprimiert habe.

Gerne hätte der den eigenen Sohn wohl auch in den Ehehafen mit einer der Töchter anderer bergischer Unternehmer einlaufen gesehen. Am Ende habe der Bruch mit dem Sohn gestanden. Und dann drohte auch der Enkel in dessen Fußstapfen zu treten. Studiert er noch oder nicht? Die Zweifel wurden größer, während es im gut vernetzten Ronsdorf schon von den Bäumen gepfiffen wurde und auch die Zeugin überzeugt war: Der Enkel schickt den Großvater mit Lügengeschichten in den sprichwörtlichen Wald.

Dicke Autos und dicke Scheine des Großvaters statt der mageren Scheine an der Uni: Alle hätten es gewusst, nur Enno Springmann nicht. Die Strom- und Gasfirma von Benjamin S. sei dazu auch noch nichts anderes als eine Drückerkolonne gewesen. Die Zeugin habe sich in diese Gerüchte nicht einmischen wollen und davon nichts ihrem alten Chef erzählt. Dass ein Enno Springmann bei Bekanntwerden eines solchen Hintergehens fuchsteufelswild geworden wäre und harte Konsequenzen gezogen hätte, stand für sie außer Frage.

Gesehen habe sie Benjamin S. nur einmal in der Kirche bei der Trauerfeier, als dessen Vater ihn habe vorstellen wollen. Beim Leichenschmaus sei der Enkel schon weg gewesen - und im Gegensatz zum Jahrzehnte verstoßenen Sohn habe er keine öffentlichen Dankesworte gefunden.

Gerne hätte die Verteidigung die Zeugin in zuweilen aggressive Wortgefechte verwickelt, wovon sich diese jedoch nicht beeinflussen ließ. Schon als anfängliche Besucherin des Prozesses hatte sie übrigens eine private Mail an den Anwalt der Verteidigung geschickt. Darin widersprach sie vehement und differenziert dessen Meinung, dass Enno Springmann "ein Mann ohne Rückgrat" gewesen sei.

Auch wenn manches mit dem Bild eines bergischen Unternehmers nicht zu vereinbaren gewesen sei, so könne davon bei diesem Mann, der derart konsequent seinen Weg gegangen sei, keine Rede sein.

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