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18. Tag im Springmann-Prozess
Von "Verbrecherfußstapfen" in der Videovernehmung

18. Tag im Springmann-Prozess: Von "Verbrecherfußstapfen" in der Videovernehmung
Symbolfoto. FOTO: Redaktion
Wuppertal. Sie war schon vor Beginn des Verhandlungstages ein Aufreger: Die Videovernehmung einer engen Vertrauten von Enno Springmann, die bis zu dessen Tod über mehr als fünf Jahrzehnte hinweg ein Liebesverhältnis zum Mordopfer gehabt haben will. Die Dame hatte ein ärztliches Attest vorgelegt, das ihr unter anderem Bluthochdruck attestierte. Von Sabine Maguire und Mikko Schümmelfelder

Die Verteidiger von Benjamin S. haderten mit der Tatsache, dass sie sich nur jenseits des Gerichtssaals vernehmen lassen wollte und das Gericht diesem Anliegen zugestimmt hatte. Man wolle keine Zeugin hören, die ihre Vernehmung inmitten eines Kreuzverhörs abbrechen könne, wenn ihr das zu unangenehm werde.

Und dann, nach beinahe drei Stunden, kam es am mittlerweile 18. Verhandlungstag tatsächlich so: Die Verteidigung von Benjamin S. war am Zug und die 83-Jährige war von deren Fragen dermaßen verwirrt, dass ein neuer Termin anberaumt werden musste. Zurück blieben entnervte Verteidiger, die ein solches Szenario offenbar kommen sahen oder vielleicht sogar kommen sehen wollten.

Und dazwischen stand da plötzlich dieser Satz, der den Enkel der Springmanns erheblich belastet: "Der Benni tritt in die Fußstapfen seines Vaters, dieses Verbrechers." Gesagt haben soll ihn Enno Springmann kurz vor seinem Tod, immer wieder und über Monate hinweg. Wiederholt hatte ihn nun dessen Geliebte, die genau das auch schon bei ihrer ersten polizeilichen Vernehmung getan haben will. In den Aufzeichnungen der Kriminalbeamten steht davon nichts – erst in weiteren Gesprächen nach der Verhaftung des Enkels liest man ähnlich Lautendes in den Vernehmungsprotokollen der langjährigen Geliebten.

Gesagt und nicht aufgeschrieben? Oder nicht gesagt und nun falsch erinnert? Man mag den Kopf schütteln über eine derartige "Wortklauberei" - aber nun ist er in der Welt, dieser Satz mit den "Verbrecherfußstapfen". Alle haben ihn gehört, über ihn wird geschrieben: Ein Supergau für die Verteidiger von Benjamin S., denen die Zeugin nun erst mal durch die sprichwörtliche Hintertüre geschlüpft ist.

Man könnte es aber auch so sehen: Es gab eine Zeugin – sie war da und doch nicht da. Alle schauten gebannt auf den Bildschirm und sahen eine Frau, die man auf den ersten Blick auch hätte für Angela Merkel halten können. Hellgrün gekleidet, vor hellgrüner Wand und mit unklaren Gesichtszügen. Was sagen ihre Augen? Wirkt sie verunsichert? Passt das gesprochene Wort zu dem, was Mimik und Gestik ausstrahlen? All das blieb im Verborgenen und man kommt nicht umhin, den Verteidigern von Benjamin S. beizupflichten: Ein Kreuzverhör als legitimes Mittel gerät so an seine Grenzen. Sollte es deren Absicht gewesen sein, genau dass öffentlich zu demonstrieren, so ist das eindrucksvoll gelungen.

Dass es bis zum letzten Tag ein inniges Verhältnis zwischen der Zeugin und Enno Springmann gab und dass man - wie jeden Tag - auch noch am Vorabend des Mordes miteinander telefoniert hatte: All das geriet beinahe zur Nebensache. Es soll an ebenjenem Tag einen heftigen Streit gegeben haben - so zumindest soll es Enno Springmann am Telefon angedeutet haben, ohne Genaueres dazu zu sagen. Mit dem Enkel? Mit der Ehefrau? Oder vielleicht mit einer weiteren Geliebten, die sich bis dahin für die einzige "zweite Geige" gehalten hatte?

Wir wissen es nicht und werden es wohl auch nicht mehr erfahren. Das Enno Springmann sich nahezu paranoid im eigenen Schlafzimmer einschloss, war nichts wirklich Neues. Dass jemand nur wenige Tage vor der Tat angeblich das Schloss zum Schlafraum manipuliert haben soll und der Schlüsseldienst bereits bestellt war: Das wiederum könnte noch zu einem wichtigen Hinweis werden.

Was also bleibt nach einem turbulenten Verhandlungstag? Vielleicht die Erkenntnis, dass technische Errungenschaften zuweilen Fluch und Segen zugleich sein können. Eine Videovernehmung soll vor allem Opferzeugen schützen, denen die unmittelbare Begegnung mit ihren Peinigern nicht zugemutet werden kann. Jenseits dessen sollte man das Für und Wider gründlich abwägen, weil Worte allein manchmal einfach nicht genug sind.