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23. Tag im Springmann-Prozess
Viele Aussagen - und Fragezeichen

23. Tag im Springmann-Prozess: Viele Aussagen - und Fragezeichen
Symbolfoto. FOTO: Redaktion
Wuppertal. Weinend, am ganzen Körper zitternd und vollkommen aufgelöst: So will eine Polizeikommissarin Benjamin S. vor der Villa seiner Großeltern angetroffen haben. Die Zeugin gehörte offenbar zu den ersten Einsatzkräften, die zum Haus von Christa und Enno Springmann gerufen worden waren. Vor deren Eintreffen wollen weder Benjamin S. noch dessen Mutter im Haus gewesen sein. Von Sabine Maguire und Mikko Schümmelfeder

Dass es dort ein Gewaltverbrechen gegeben hatte, war zu diesem Zeitpunkt noch nicht offiziell zu den Angehörigen durchgedrungen. "Wir haben es gewusst, aber eine solche Mitteilung übernimmt üblicherweise der Einsatzleiter", erklärte die Zeugin nun vor Gericht die Abläufe am Tatort. Warum Benjamin S. dennoch derart aufgelöst gewesen sei? Das erschloss sich nicht aus der Zeugenvernehmung der Kommissarin, der trotz allem etwas Ungewöhnliches aufgefallen war: Von Weinkrämpfen geschüttelt, habe ihr Benjamin S. gesagt, dass er sich schuldig fühle, weil er am Vortag nicht eine Stunde länger bei den Großeltern zu Besuch gewesen sei.

Dass es überhaupt eine Gewalttat gegeben hatte, kann der mittlerweile wegen Mordes angeklagte Enkel der Springmanns da eigentlich noch gar nicht gewusst haben. Ganz abgesehen von der Tatzeit, über die bis heute Unklarheit herrscht. Warum also hätte es genügen sollen, am Nachmittag länger zu bleiben? Fragen über Fragen, deren Antworten bislang im Dunkeln blieben.

Zurück nach Ronsdorf, am Tag nach dem Mord: Dort war nach dem Eintreffen besagter Polizeikommissarin die Zeit vorangeschritten und die ersten, am Tatort angelangten Einsatzkräfte hatten Verstärkung angefordert. Bei der Wuppertaler Kripo hatte derweilen das Telefon geklingelt, gemeldet wurde der Fund zweier Leichen. Ein Kripobeamter machte sich mit einer Kollegin auf den Weg zum Tatort.

Was er dort erlebte, schilderte der Mann nun im Zeugenstand. Aufgefallen sei ihm gleich, dass ihm Benjamin S. unaufgefordert von seiner sonntäglichen Spritztour auf der A46 erzählt habe. Am Tattag, direkt nach dem Besuch bei den Großeltern – weil die sich gestritten hätten und er sich habe abreagieren müssen. Was sich anhört wie ein vorsorglich abgeliefertes Alibi für eine Zeit, die erst Wochen später zur möglichen Tatzeit wurde, gab offenbar auch dem Zeugen zu denken. Er will dazu auch noch bemerkt haben, das Benjamin S. zwar einen betroffenen Eindruck gemacht haben will und mit einem Taschentuch herumhantiert habe.

Das allerdings, ohne zu weinen. "Das wirkte auf mich nicht authentisch", ließ der Kripobeamte das Gericht wissen. Dass niemand vor dem Notruf im Haus gewesen sein will, sei ihm auch komisch vorgekommen. "Es hätte auch ein medizinischer Notfall sein können", äußerte der Polizeikommissar vor Gericht seine Zweifel. Den Einwand der Verteidiger, dass zumindest Benjamin S. zeitgleich mit seinem Notruf bei der Polizei darauf hingewiesen worden sei, das Haus der Großeltern nicht zu betreten, ließ der Zeuge nur bedingt gelten. Er selbst wäre als Privatmensch reingegangen, bevor er die Polizei alarmiert hätte. Einfach nur um zu schauen, ob etwas passiert sei.

Anfangs vermeintlich noch unwissend und dennoch am ganzen Körper zitternd? Eine Stunde später - möglicherweise längst vom gewaltsamen Tod der Großeltern wissend - und ohne Tränen? Am Ende waren da zwei Zeugen, zwei Aussagen und viele Ungereimtheiten im Verhalten des Angeklagten Benjamin S. Hinzu kam noch, dass die im Zeugenstand vernommene Polizeikommissarin dessen mitangeklagten Geschäftspartner aus Kinderzeiten kannte. Selbst in Griechenland aufgewachsen, sei sie dem im Nachbarort lebenden Angeklagten auch später noch des öfteren begegnet. Nun folgte also eine erneute Begegnung im Gerichtssaal, unter unerfreulichen Umständen.

Dass der Geschäftspartner von Benjamin S. mehrere Wochen nach der Tat - damals im Helios Klinikum liegend - dort dennoch von der Polizei als Zeuge vernommen wurde und ihm eine DNA-Probe entnommen worden sei, war ebenfalls Diskussionsthema am mittlerweile 23. Verhandlungstag. In eine Klinik in Leverkusen eingeliefert worden war der Angeklagte zuvor wegen eines SEK-Übergriffs auf der Autobahn, wo man ihn mit schallgedämpften Waffen im Auto erwischt hatte. Schädelhirntrauma, Augenbodenfraktur und Kieferhöhlenfraktur: Der 45-jährige lag dort anfangs mit schweren Verletzungen in auf der Intensivstation.

Von dort als stabil und geschäftsfähig selbst entlassen, hatte er sich nur wenige Tage später mit Atemnot und einer später diagnostizierten Lungenembolie in der Notaufnahme des Helios Klinikums gemeldet. Dort sollen ihn mehrere Polizeibeamte besucht haben, um ihn zum Waffenbesitz und auch zum Gewaltverbrechen an Christa und Enno Springmann zu befragen. Bereitwillig soll er sich mit einer Speichelprobe einverstanden erklärt haben. Erst später war die Übereinstimmung mit den am Tatort sichergestellten DNA-Spuren aufgefallen.

Im Krankenzimmer auflaufen, einen Schwerverletzten als Zeugen befragen und ihm dazu noch eine Speichelprobe entnehmen? Die Verteidiger äußerten Zweifel an der Rechtmäßigkeit des Vorgehens. Ob dem Angeklagten im Zuge einer MRT-Untersuchung möglicherweise Beruhigungsmittel verabreicht wurden, soll nun noch geklärt werden. Zwei Ärzte sagten im Zeugenstand aus, dass er zwar müde, aber orientiert und klar gewesen sei. Von den polizeilichen Vernehmungen hätten sie hingegen nichts mitbekommen.

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