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Springmann-Prozess
Verteidiger Bernsmann: "Gab keinen Grund zur Eile"

Springmann-Prozess: Verteidiger Bernsmann: "Gab keinen Grund zur Eile"
Prof. Dr. Klaus Bernsmann, einer der Verteidiger des angeklagten Springmann-Enkels. FOTO: Mikko Schümmelfeder
Wuppertal. Prof. Dr. Klaus Bernsmann ist einer von vier Verteidigern des wegen Mordes an Christa und Enno Springmann angeklagten Enkels Benjamin S. (26). Im Rundschau-Interview spricht er über Befangenheitsanträge und beklagt den Zeitdruck, unter den sich die Verteidiger seitens der Kammer gestellt fühlen. Von Sabine Maguire und Mikko Schümmelfeder

Rundschau: Herr Prof. Dr. Bernsmann, eigentlich waren für den mittlerweile 42. Verhandlungstag die Plädoyers erwartet worden. Und dann haben Sie gemeinsam mit Ihren Verteidigerkollegen noch einen Befangenheitsantrag gegen die Kammer gestellt. Warum?

Prof. Dr. Klaus Bernsmann: Ein Befangenheitsantrag ist auch ein Mittel der Verteidigung, um rationale, in Ruhe getroffene Entscheidungen herbeizuführen. Das war bei diesem Prozess vor allem in den letzten Wochen kaum noch möglich. Es geht darum, die Form zu wahren und nicht einfach nur durch den Tag zu hetzen. Das Hören der anderen Seite ist die vornehmste Pflicht des Gerichts.

Rundschau: Und dem ist man nicht nachgekommen?

Bernsmann: Nein, jedenfalls nicht in den letzten Wochen. Der Zeitdruck, den der Vorsitzende Richter aufgebaut hat, um das Verfahren schnell zu beenden, war aus unserer Sicht unnötig. Und nicht nur das: Die Verteidigung gerät unter Druck. Es bleibt zu wenig Zeit, um auf Dinge angemessen reagieren zu können. Es gab keinen Grund zur Eile, bis Ende November - wenn es denn um das Datum gehen sollte - gibt es noch genügend Termine zur Hauptverhandlung.

Rundschau: Aber irgendwann zum Ende eines Prozesses kommt man doch als Verteidiger immer in diese Lage, oder nicht?

Bernsmann: Natürlich, aber es geht auch anders. Andernorts wird in Ruhe mit den Verteidigern darüber geredet, wann die Plädoyers gehalten werden können. Uns wurden hier mehrmals knappe Termine vorgegeben - unseren Bedenken hinsichtlich der Zeitknappheit wurde damit begegnet, dass man doch schon lange wisse, dass der Prozess dem Ende entgegengehen würde. Als ob, insbesondere in einem Mordprozess, es um Tempo gehen würde. Es geht um die Schwere der Vorwürfe, um sorgfältige Beweiserhebung und sorgfältig vorbereitete Schlussvorträge.

Rundschau: Dass die Plädoyers absehbar sind, war doch auch für Prozessbeobachter ersichtlich.

Bernsmann: Das ist schon richtig. Allerdings bleibt bei einer solchen Argumentation unberücksichtigt, dass wir den Prozessverlauf bis zum letzten Tag in die Plädoyers einfließen lassen müssen. Die Verteidigung muss Dinge einbeziehen können, die sich aus der Verhandlung heraus entwickeln. Da kann man nicht an einem Tag die Beweisaufnahme schließen und am nächsten schon plädieren müssen. In diesem Verfahren ist immer wieder von "Gesamtschau" die Rede gewesen. Um die geht es – am Ende – auch für die Verteidigung. Nach 40 Tagen Hauptverhandlung gibt es viel, was eine Gesamtschau berücksichtigen muss.

Rundschau: Und warum auf der Zielgeraden noch mal ein Befangenheitsantrag?

Bernsmann: Es hatte zuvor mehrere Anträge gegeben, in denen wir unter anderem die Rekonstruktion der Zugangsverhältnisse zum Haus der Springmanns, ein weiteres Gutachten zur Überlebensdauer von Christa Springmann und die richterliche Inaugenscheinnahme und Rekonstruktion der akustischen Verhältnisse im Hause Springmann gefordert hatten. Diese wurden allesamt zurückgewiesen. Die Begründungen sind für uns nicht nachvollziehbar.

Rundschau: Aus Sicht der Staatsanwaltschaft und offenbar auch der Kammer wurde das alles in der mittlerweile abgeschlossenen Beweisaufnahme schon hinreichend beleuchtet ...

Bernsmann: Nein, nach Auffassung der Verteidigung nicht. Das Gericht hat sich nicht ernsthaft mit der Möglichkeit befasst, dass die Täter durch die offenstehende Terrassentür zuerst in das Zimmer von Christa Springmann eingedrungen sein konnten, sie durch einem Schlag auf den Kopf bewusstlos wurde und dann – nachdem man im Erdgeschoss Enno Springmann erst geschlagen und dann erdrosselt hatte – auch dessen Frau getötet hat.

Rundschau: Warum ist der Tatablauf aus Ihrer Sicht so entscheidend?

Bernsmann: Entscheidend ist, dass die Kammer nicht mehr bereit war, sich mit anderen als schon frühzeitig verfestigten Überzeugungen zum Tatablauf auseinander zu setzen. Alternative Szenarien, die Benjamin S. entlasten würden, wurden nicht ausreichend beleuchtet. Gutachterliche Expertisen zum Todeszeitpunkt beruhten auf Lehrbuchwissen und waren nicht das Ergebnis eigener sachverständiger Kompetenz.

Rundschau: Es ist nicht auszuschließen, dass man damit zum gleichen Ergebnis gekommen wäre?

Bernsmann: Das mag sein, aber möglicherweise auch nicht. Für die Angeklagten geht es im Falle ihrer Verurteilung um eine sehr lange Haftstrafe. Es ist schon deswegen nicht angemessen, die Beweisaufnahme unter irgendeinen Zeitdruck zu stellen und von der Verteidigung eingeforderte Gutachten möglicherweise nur deswegen abzulehnen, weil die Zeit – aus nicht nachvollziehbaren Gründen – drängt.

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