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26. Tag im Springmann-Prozess
"Tatortschau": Mehrere tausend Euro unangerührt

26. Tag im Springmann-Prozess: "Tatortschau": Mehrere tausend Euro unangerührt
Symbolfoto. FOTO: Redaktion
Wuppertal. Es war ein Rundgang durch das Haus, in dem ein Doppelmord das Leben zweier Menschen brutal beendet hatte. Verlesen und gezeigt wurden Auszüge aus Ermittlungsprotokollen und Fotos vom Tatort: Das sind Augenblicke, vor denen man sich im Gerichtssaal fürchtet. Christa Springmann in ihrem Arbeitszimmer, deren Ehemann neben seinem Bett im Schlafzimmer liegend: Am mittlerweile 26. Verhandlungstag reihte sich einer dieser Momente an den anderen. Von Sabine Maguire und Mikko Schümmelfeder

Man kommt Menschen in ihrem privaten Schutzraum so nahe, wie sie es zu Lebzeiten wohl niemals zugelassen hätten. Und dennoch ist eine solche "Tatortschau" inmitten eines Indizienprozesses unerlässlich. Wüsste man sonst, dass das Kaffeegeschirr noch auf der Spüle stand? Gleich neben den Hasenrückenfilets, die offenbar für das Abendessen aufgetaut werden sollten. Irgendwo zwischen sonntäglichem Kaffeetrinken und Abendessen könnte man also die Tatzeit vermuten.

Aufgerissene Schubladen, wahllos aus Schränken geworfenes Geschirr und Schmuckschatullen mit Perlenketten auf dem Boden: Im Haus selbst war einiges durchwühlt worden. War es ein Raubmord? Oder sollte es nur danach aussehen, um falsche Spuren zu legen? Dafür musste man schon genauer hinschauen und dabei fiel vor allem eines auf: Die Willkür, mit der mal hier und mal dort etwas zerwühlt wurde. Warum wirft man Tassen aus Glasvitrinen, wo doch verglaste Schränke jedem ihr Innenleben derart bereitwillig vor die Füße legen, dass man sofort sehen kann, ob sich der Diebstahl lohnt. Perlenketten bleiben auf dem Boden liegen?

Die vermutlich teuren Skulpturen, die wertvollen Bilder an den Wänden: All das blieb gänzlich unberührt. Bei Enno Springmann fand man später eine Geldbörse mit 1.500 Euro in der Hosentasche. Hätte man danach nicht gesucht, wenn es um Raub und auch ums schnelle Geld gegangen wäre? Christa Springmann verwahrte mehrere tausend Euro in einer Stofftasche, die an ihrem Rollator hing. Im Arbeitszimmer – dort wo der Mord geschah. Hätte jemand, der möglichst viel Beute machen will, nicht auch dort nachgeschaut?

Der Tresor von Enno Springmann? Im Keller, mit Geld und wichtigen Papieren – und dennoch ungeöffnet. Der Schlüssel? Am Schlüsselbund des Opfers, den man am Tatort fand. Man hätte ihn suchen, finden und den Stahlschrank ausräumen können. Nichts davon ist passiert.

Nun fragt man sich als Prozessbeobachter: Warum lief es so und nicht anders? Ging es nicht um Geld, um Wertgegenstände und um all das, was man üblicherweise bei einem Raubmord aus dem Haus räumt? Und wenn nicht – worum ging es dann?

Die Antwort liegt nahe: Es könnte einzig und allein darum gegangen sein, Christa und Enno Springmann zu ermorden. Das Motiv kann nur jenseits dessen liegen, etwas unmittelbar aus dem Haus räumen zu wollen. Wem also nutzt es?

Gehen wir dafür doch nochmals zurück zum Tatort. Die Bilderschau erlaubte auch Einblicke in das Schlafzimmer von Enno Springmann, der dort – neben seinem Bett liegend – mit schweren Verletzungen am Kopf gefunden wurde. Die Rechtsmediziner stellten später fest: "Todesursache war Erdrosseln." Warum schlägt man jemanden erst brutal zusammen, um ihn dann zu erdrosseln? Wollte man ihn vor seinem Tod dazu zwingen, etwas preiszugeben? Vielleicht über Nummernkonten bei Schweizer Banken, die es angeblich gegeben haben soll?

Nach allem, was man bislang weiß, hat sich Enno Springmann konsequent in seinem Schlafzimmer eingeschlossen. Es gab keine Einbruchspuren, weder am Fenster noch an der Türe. Und erinnert man sich an die oben erwähnten Hasenfilets in der Küche, so dürfte es ohnehin kaum Schlafenszeit gewesen sein, in der sich der Todeszeitpunkt vermuten lässt.

Ein aufgerissener Schrank und eine offene Aktentasche neben dem Opfer? War da jemand auf der Suche nach Unterlagen – und wenn ja, nach welchen? Immer wieder war es in der Verhandlung um Testamente gegangen. Das von Christa Springmann soll kurz vor der Tat offen auf ihrem Schreibtisch herumgelegen haben. Für jeden sichtbar, der Zugang zum Haus hatte. Alleinerbe soll demzufolge ihr Sohn gewesen sein.

Wem könnte das missfallen haben? Möglicherweise gab es bereits zuvor Testamente mit einer anderen Erbfolge. Und Enno Springmann? Der wollte seinen Enkel zum Alleinerben machen und soll die Entmündigung durch seinen Sohn gefürchtet haben. Drohte eine Enterbung oder irgendetwas, dass wen auch immer zum schnellen Handeln gedrängt hat?

Beweise am Tatort? Nicht viele, die wirklich eindeutig wären - bis auf eine DNA-Spur des mitangeklagten Geschäftspartners von Benjamin S. auf einem blutigen Kopfkissen, neben der Leiche von Enno Springmann. Aber was hätte der allein vom Tod des Unternehmer-Ehepaars haben sollen? Und wie hätte er - ohne Schlüssel oder jemanden, der ihn hereinlässt - in ein Haus kommen sollen, an dem nirgendwo Einbruchspuren zu finden sind?

Noch immer gibt es viele offene Fragen und zumindest mit Blick auf den angeklagten Enkel der Springmanns kaum stichhaltige Beweise. Dessen Verteidiger Klaus Bernsmann forderte daher öffentlich, die Beweislage neu zu bewerten. Die Staatsanwaltschaft sah dafür bislang keine Notwendigkeit.

Nun wird mit Spannung die Aussage von Benjamin S. erwartet, der sich am nächstem Verhandlungstag zur Person einlassen will. Angaben zur Sache will er auch noch machen – zu einem späteren Zeitpunkt.

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