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39. Tag im Springmann-Prozess
Sachverständiger: Angeklagter kein Psychopath

39. Tag im Springmann-Prozess: Sachverständiger: Angeklagter kein Psychopath
Der mitangeklagte Geschäftspartner und seine Verteidiger am ersten Verhandlungstag. FOTO: Holger Battefeld
Wuppertal. Er kocht leidenschaftlich gerne. Morgens macht er das Frühstück, dann bringt er seine Kinder zum Kindergarten und zur Schule. Die Familie geht ihm über alles. Er ist ruhig, gelassen und selbstbeherrscht. Stur und eigensinnig? Das kann schon mal vorkommen. Aggressiv? Nein, gar nicht - eher zurückhaltend. Und ja, manchmal etwas zwanghaft. Die Dinge sollen geordnet sein und es auch bleiben - aber wer hat schon gerne Chaos um sich herum. Und sonst? Ein Psychopath ist er nicht, das hat er jetzt schriftlich. Von Sabine Maguire und Mikko Schümmelfeder

Bekäme man so etwas auf einem Kuppelportal zu lesen, man würde den Mann sofort heiraten wollen. Dieser hier ist allerdings wegen Mordes an Christa und Enno Springmann angeklagt, gemeinsam mit deren Enkel. Schon bei Benjamin S. war der psychiatrische Sachverständige nach ausführlicher Begutachtung zu dem Ergebnis gelangt, dass der 26-Jährige eigentlich nicht das Zeug zum Mörder hat.

Und jetzt also eine ähnliche Expertise über dessen mitangeklagten Geschäftspartner Ioannis P., der über vier Explorations-Stunden hinweg sehr kooperativ und konzentriert gewesen sei. "Es gibt eine Diskrepanz von Person und Täterprofil", brachte der psychiatrische Sachverständige die Sache auf den Punkt.

Dass der Angeklagte einige Wochen nach dem Mord an den Springmanns von einem Sondereinsatzkommando auf der Autobahn mit zwei Waffen im Kofferraum überwältigt wurde? Er selbst sagt dazu, dass er in einen dubiosen Autoverkauf verwickelt gewesen sei und dass er sich habe damit schützen wollen. Die Schalldämpfer wurden ungefragt mitgeliefert, ohne bestellt gewesen zu sein. Kiffen und Koks? Allenfalls Jugendsünden, längst verjährt.

Dem Sachverständigen scheint nicht viel mehr zu bleiben, als diese Geschichte erst mal zu glauben. Und überhaupt scheinen die vorgeschriebenen Tests, auf deren Fragen das Gericht eine Antwort erwartet, viel Interpretationsspielraum zu lassen. Da gibt es Fragen wie diese: Stört es Sie, wenn andere Leute schlecht über Sie reden? Nein, es stört ihn nicht – das ließ Ioannis P. den Gutachter wissen. Und man fragt sich gleich, wie viele von so Befragten eingestehen, dass sie am liebsten denjenigen den sprichwörtlichen Hals umdrehen würden, von denen sie hinterrücks in ein schlechtes Licht gestellt werden.

Das Gericht wird im Falle der Verurteilung nun jedenfalls eine Erklärung dafür liefern müssen, wie zwei Angeklagte zu Mördern werden konnten, denen im psychiatrischen Gutachten der Hang zur Aggressivität abgesprochen wurde. Dass jeder zum Mörder werden kann, ist bekanntlich eine Binsenweisheit. Hier jedoch geht es nicht um Küchenpsychologie, sondern darum, ob zwei Männer möglicherweise die nächsten 20 Jahre in einer Gefängniszelle verbringen.

Dazu kommt noch, dass die Kammer es offenbar für möglich hält, dass das in der Anklageschrift unterstellte Motiv "Habgier" bei Benjamin S. wegfallen könnte. Aber was bleibt dann noch als Motiv für eine Tat, die dazu auch noch als besonders grausam beschrieben wurde? Ausgeführt von zwei Angeklagten, deren Persönlichkeitsprofil nicht zur Tat passt. Eine Frage, die offenbar auch die Verteidigung von Benjamin S. umtreibt.

Dort beklagte man die reihenweise durch Kammerbeschlüsse abgelehnten Anträge in einer Gegenvorstellung und endend mit dem Fazit: "Die Kammer hat den Anspruch von Benjamin S. auf ein faires Verfahren verletzt." Beklagt wurde auch, dass das Gericht unnötig aufs Tempo drücke und das wiederum hat nun dazu geführt, dass auf Antrag der Staatsanwaltschaft eine Frist für die Formulierung von Anträgen gesetzt wurde.

Bis zum 29. Oktober können die noch eingereicht werden – sollte da nichts mehr kommen, kann möglicherweise noch am selben Tag mit dem Beginn der Plädoyers gerechnet werden. Bis dahin wird noch am 22., 24. und 26. Oktober verhandelt.

Die Rundschau-Radrunde