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14. Tag im Springmann-Prozess
"Mein Vater hatte eine klare Linie"

14. Tag im Springmann-Prozess: "Mein Vater hatte eine klare Linie"
Blick auf das Springmann-Anwesen am 20. März 2017. FOTO: Stefan Rossbach
Wuppertal. Sollte Enno Springmann sterben? Oder galt das tödliche Verbrechen eigentlich seiner Frau und sein Tod war ein Vertuschungsmord? In Anbetracht eines grausamen Doppelmordes mag eine solche Frage reflexhaftes Kopfschütteln und Unverständnis hervorrufen. Und dennoch war das, was die Verteidiger von Benjamin S. fragend in den Raum stellten, einer der interessantesten Einwände an diesem 14. Verhandlungstag. Von Sabine Maguire und Mikko Schümmelfeder

Die Anklage sei über Habgier als Motiv zu schnell davon ausgegangen, dass Enno Springmann derjenige gewesen sei, den der - die Enterbung fürchtende - Enkel habe beseitigen wollen. So der Vorwurf der Verteidiger, die ein anderes Motiv offenbar für möglich halten. Was also, wenn eigentlich Christa Springmann im Fokus des Täters oder der Täter gestanden habe und ihr Mann sterben musste, um die Tat zu vertuschen? Auch wenn es ein unwahrscheinlicheres Szenario sein könnte, so würde es aus Sicht der Verteidigung die Lage dennoch in einem anderen Licht erscheinen lassen.

Dazu muss man allerdings wissen, dass die Eheleute in jeweils eigenen Testamenten unterschiedliche Erben begünstigt hatten. Enno Springmann hatte seinen Enkel Benjamin S. als Haupterben eingesetzt. Christa Springmann hingegen wollte ihr Vermögen überwiegend dem gemeinsamen Sohn hinterlassen. Bereits jetzt gibt es im Hintergrund intensive Bemühungen, um durch kriminalistische Gutachten und rechtsmedizinische Expertisen den genauen Todeszeitpunkt der Eheleute ermitteln und die Erbfolge klären zu können.

Schon in den vergangenen Verhandlungstagen hatten die Verteidiger von Benjamin S. versucht, den Verdacht vom Enkel auf den Sohn der Springmanns zu lenken. Der sei wütend gewesen, weil seine Mutter der geschiedenen Exfrau von seinem Erbteil eine Eigentumswohnung habe kaufen wollen. Das Verhältnis zum Vater sei schlecht gewesen. Nach der Tat soll er laut der Aussage eines Kriminalbeamten außerdem auf WhatsApp den Spruch "Ich bin ein neuer Mensch. Wie neugeboren" hochgeladen haben. Das war's dann aber auch schon mit den möglichen Tatmotiven und als aufmerksamer Beobachter fragt man sich: Genügt das wirklich, um einen Mord zu begehen?

Um diese und andere Fragen zu klären, wurden nun die Polizeibeamten in den Zeugenstand geladen, die den Sohn der Springmanns nach der Tat mehrmals vernommen hatten. Der habe zu den schwierigen Familienverhältnissen bereitwillig Auskunft gegeben und dazu auch noch gesagt, dass er sich seinen eigenen Sohn als gewalttätigen Mörder nicht vorstellen könne.

Gleichwohl habe es im Umfeld seiner Scheidung eine Situation gegeben, in der er auf offener Straße von seinem Sohn am Hals gepackt und an die Wand gedrückt worden sei. Seine Exfrau habe währenddessen mit dem Hammer "herumgefuchtelt" und er habe sich von beiden derart bedroht gefühlt, dass er lautstark um Hilfe gerufen habe.

"Mein Vater hatte eine klare Linie", sprach er zudem darüber, dass er sich habe gut vorstellen können, dass Enno Springmann mit seinem Enkel gebrochen hätte, wenn er von dessen Studienabbruch erfahren hätte.

Mittlerweile haben es auch durch die Gerichtsflure mäandernde Gerüchte über angebliche Insolvenzen des Sohnes von Christa und Enno Springmann bis hinein in den Gerichtssaal geschafft. Gab es die überhaupt jenseits von Hörensagen – und dann auch noch in absurd astronomischen Größenordnungen von bis zu 50 Firmenpleiten?

Eine nun öffentlich aufgeworfene Frage, die nicht nur den Nebenklageanwalt, sondern auch die Verteidiger von Benjamin S. brennend zu interessieren scheint. Die ließen durchklingen, diesbezügliche Hintergrundrecherchen bereits in Auftrag gegeben zu haben. Offenbar ist man dort der sprichwörtlichen Ansicht, dass Angriff die beste Verteidigung sei.

Öffentlich wurde übrigens auch, dass die Ermittlungsbeamten mit fingierten Briefen gearbeitet hatten, um dem Täter auf die Spur zu kommen. Platziert wurden diese in den Briefkästen von Benjamin S. und dessen Mutter. Der Wortlaut: "Warum nur?"

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