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13. Tag im Springmann-Prozess
"Man verrät seine Leute nicht!"

13. Tag im Springmann-Prozess: "Man verrät seine Leute nicht!"
Der Angeklagte Benjamin S. mit seinen Anwälte beim Prozessauftakt. FOTO: Claudia Otte
Wuppertal. Der letzte Verhandlungstag hatte deutliche Spuren hinterlassen. Ein Mitgefangener hatte den Enkel von Christa und Enno Springmann schwer belastet. Die Nerven lagen augenscheinlich blank, vor allem die der Verteidiger. Sie mussten sich zwischendrin maßregeln lassen von einem durch Zwischenrufe genervten Richter. Von Mikko Schümmelfeder und Sabine Maguire

Am mittlerweile 13. Verhandlungstag erwartete man nun von weiteren, ebenfalls in der JVA Wuppertal inhaftierten Zellenkumpanen klare Aussagen über die Glaubwürdigkeit des Belastungszeugen. Der erste der drei geladenen Mithäftlinge war mit Benjamin S. jeden Tag in der Freistunde zusammen und ließ sich von ihm Tischtennistricks beibringen.

Bestens informiert über dessen Aussagen, griff er den Belastungszeugen K. gleich frontal an und stellte ihm ein katastrophales Zeugnis aus: Alles wäre gelogen und erfunden, Geschwätz und reine Phantasie. Außerdem hätten alle und auch Benjamin S. von Anfang an gewusst, dass der Zeuge K. mit der Polizei zusammenarbeite, um Haftverschonung zu erlangen. Der wäre ein Zinker und ein Spitzel gewesen: Ein vernichtenderes Urteil gibt es da nicht. Warum also hätte der Enkel von Christa und Enno Springmann sich gerade ihm anvertrauen sollen?

Benjamin S. selbst sei da hingegen ganz anders gewesen. Er hätte unter psychischen Problemen gelitten und viel geweint. Er habe seine Großeltern geliebt und nach seiner Überzeugung nichts mit der Sache zu tun. Er könne nicht verstehen, warum der Angeklagte überhaupt verhaftet worden sei. Benjamin S. wäre nur "ein kleiner Junge" und dazu auch noch so ängstlich. Aber dessen Vater, der könne es gewesen sein.

Über die finanziellen Verhältnisse der Springmanns könne er nichts sagen, angeblich habe man nie über Familiäres gesprochen. Dabei schien dem Zeugen entfallen zu sein, dass er laut Vernehmungsprotokoll die Familie vorher auf 150 Millionen geschätzt hatte und dass er auch von den großzügigen Taschengeldern des Großvaters wusste. Schlimm wäre es hingegen, so sein Seitenhieb, dass ihm die Polizei bei entsprechenden Aussagen Hilfe angeboten habe, ohne wirklich konkret zu werden. Da wäre Benjamin S. doch von anderem Holz, der würde sogar andere Häftlinge aus der Gruppe finanziell unterstützen! Sein heftiger Kommentar zum explosiven Vernehmungsprotokoll des Belastungszeugen, das ihm Benjamin S. gezeigt habe: "Alles Sch…" Das könne alles gar nicht sein, weil der Zeuge überhaupt nie mit dem Enkel von Christa und Enno Springmann geredet habe.

All das war natürlich eine Steilvorlage für die Anwälte der Verteidigung, die umgehend verlangten, dass die ursprünglichen Vernehmungsprotokolle des Belastungszeugen nicht mehr herangezogen werden dürften. Auch dessen polizeiliche Vernehmungen in der JVA sollen hinterfragt werden. Man wolle herausbekommen, ob er direkt auf Benjamin S. angesetzt worden sei.

Der zweite geladene Zeuge blies in das gleiche Horn: Der Angeklagte sei "ein netter Junge", der zu so einer Tat nie fähig gewesen wäre. Der Belastungszeuge hingegen sei ein Verräter, der viel gelogen und ständig bei der Polizei gesessen und geplaudert habe. Ein Unding unter Knastbrüdern: "Man verrät seine Leute nicht." Als Benjamin S. dessen belastende Aussage gelesen habe, sei er weinend zusammengebrochen.

Auch der Dritte aus der Zeugengruppe war überzeugt, dass der Angeklagte unschuldig sei. Er habe ihm als väterlicher Freund dennoch den Rat gegeben, nicht mit Anderen über die Sache zu sprechen. Als er in der polizeilichen Vernehmung gefragt wurde, ob Benjamin S. ihm Geld versprochen habe, wies er das empört zurück. Er habe genug Geld und lasse sich nicht kaufen.

Alles in allem hätte es also ein guter Tag für Benjamin S. werden können. Nur positive Aussagen, persönliche Wertschätzungen und eine öffentliche Demontage der Aussagen des lästigen Belastungszeugen!

Wäre ebendieser Zeuge im Anschluss nicht nochmals vernommen worden. Dabei konnte er viele mögliche Widersprüche durchaus schlüssig aufklären - sowohl von den Aussagen her als auch vom Zeitablauf und den Verbindungen zur Polizei, die aus einem anderen laufenden Prozess herrührten und ihn als angeblichen Polizeispitzel entlasten könnten.

Die Ermittlungsakten aus diesem Prozess sollen jetzt zur weiteren Klärung herangezogen werden. Verständlich, dass in einer turbulenten letzten Stunde die schlecht gelaunte Verteidigung des Angeklagten sogar die Aussagefähigkeit des Belastungszeugen in Abrede stellte.

Die Rundschau-Radrunde