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Springmann-Prozess
Kurz vor dem Urteil ...

Springmann-Prozess: Kurz vor dem Urteil ...
Großes Zuschauerinteresse gab es an allen Tagen (Archivfoto). FOTO: Mikko Schümmelfeder 11-2018
Wuppertal. Eng war es schon am ersten Tag. Der Prozess hatte noch nicht begonnen, da drängten sich die Zuschauer vor dem anfangs noch großem Saal. Zwischendrin gaben Staatsanwalt Hauke Pahre und die Verteidiger der Angeklagten fleißig Interviews. Schon damals war klar: Der Springmann-Prozess wird Rechtsgeschichte schreiben. Von Sabine Maguire und Mikko Schümmelfeder

Die schrieb er dann auch – jedoch anders, als man sich das hätte denken können. Vor den Augen der Öffentlichkeit zerbrach die Buddenbrooksche Fassade einer Familie, die von Christa und Enno Springman über Jahrzehnte hinweg erfolgreich gewahrt blieb. Deren Vermögen und die Frage danach, wer es erben sollte, wollte und könnte – all das drängte zuweilen in den Vordergrund eines Indizienprozesses, der die Hintergründe eines brutalen Doppelmordes aufzuklären hatte.

Längst war man in den Saal gegenüber umgezogen. Klein, eng – und der Verhandlungsstart mitunter holperig, weil aufgebrachte Zuschauer sich noch in den überfüllten Saal drängen wollten. Standen Zeugen auf der Agenda, deren Aussage schlüpfrige Einblicke ins Privatleben der Opfer versprach, war das Gedränge besonders groß. Wurden Fotos vom Tatort gezeigt, rückte man sich in den hinteren Reihen zuweilen zur besseren Sicht zurecht.

Als Journalist stand man stetig im Sperrfeuer der öffentlichen Kritik, wenn es um Liebschaften und allzu Privates ging. Aber was hätte man stattdessen schreiben sollen über einen Gerichtsprozess von öffentlichem Interesse, in dem gefühlt nichts ausgelassen wurde? Nutten und Koks, illegale Waffenkäufe und allerorten ruiniertes Seelenheil: Das war der Stoff, der aus dem Schatten eines grausamen Verbrechens heraus ans Licht drängte.

Inzwischen vom Altbau in den Neubau und damit in den dritten Verhandlungssaal umgezogen, blieb auch dort über mehr als 40 Verhandlungstage hinweg kaum ein Stuhl unbesetzt. Klaus Bernsmann, Katharina Rausch, Rüdiger Deckers und dazu noch ein Pflichtverteidiger: Von ihnen wurde Benjamin S. leidenschaftlich und engagiert verteidigt. Dessen mitangeklagter Geschäftspartner Ioannis P. war stetig umringt von Klaus Sewald und Reinhard Leis.

Deren Plädoyers brachten auf den Punkt, was schon am ersten Verhandlungstag von der Verteidigung kritisiert worden war: "Die Anklage ist tatsachenarm." Deshalb wurde dort auf Freispruch plädiert – dem entgegen steht die Forderung der Staatsanwaltschaft, lebenslange Freiheitsstrafen unter Anerkennung der besonderen Schwere der Schuld zu verhängen.

Dazwischen gibt's nichts! Statt lebenslang "nur" für zehn Jahre hinter Gitter, weil man sich nicht wirklich sicher ist? Sowas geht nun mal nicht vor Gericht. Deshalb gilt hier wie sonst auch: in dubio pro reo, im Zweifel für den Angeklagten. Es hangelte Befangenheitsanträge, es gab heftige Debatten unter den Prozessbeteiligten -  und dennoch einen besonnenen Vorsitz von Richter Robert Bertling, der sich nach diesem Fall in den Ruhestand verabschieden wird.

Nun also drängen sich die Zuschauer wieder in den Gerichtsfluren. Vorausschauend wurde die Urteilsverkündung im größten Saal des Landgerichts anberaumt. Fernsehjournalisten, Fotografen und die schreibende Zunft: Sie alle sind wieder vereint wie am ersten Tag. Nach der Urteilsverkündung werden einige der Prozessbeteiligten wohl Interviews geben. Dann werden wir wissen, wie die Sache hier ausgegangen ist. Noch ist alles möglich ...

Wir berichten ab 10 Uhr aktuell über das Urteil.

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