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25. Tag im Springmann-Prozess
Hasenrücken und Handydaten

25. Tag im Springmann-Prozess: Hasenrücken und Handydaten
Symbolfoto. FOTO: Redaktion
Wuppertal. Sie sollen zusammen zum Tatort gefahren sein. Dann soll Benjamin S. seinen Geschäftspartner ins Haus der Großeltern gelassen haben. Was dort geschah, ist hinlänglich bekannt: Christa und Enno Springmann wurden stranguliert. Glaubt man dem rechtsmedizinischen Gutachten, so kann vom Kaffeetrinken bis zum gewaltsamen Tod der Eheleute nicht allzu viel Zeit vergangen sein. Von Sabine Maguire und Mikko Schümmelfeder

Enno Springmann trank nie mehr als eine Tasse Kaffee – das Koffein war noch nicht gänzlich abgebaut. Dazu lagen die für das Abendessen aufgetauten Hasenrückenfilets noch in der Küche. Nach der vermeintlichen Tat sollen der Enkel der Springmanns und sein ebenfalls angeklagter Geschäftspartner gemeinsam die Villa verlassen haben. Das jedenfalls ist das Szenario der Staatsanwaltschaft, darauf stützt sich die Anklage.

Nun sagte ein Handyexperte aus - und man bleibt ratlos zurück. Die Sache mit den Handydaten ist kompliziert. Fährt man mit dem Smartphone auf dem Beifahrersitz durch die Stadt, ohne dass es sich in ins Funknetz einloggt, hinterlässt man keine Spuren. Telefoniert man hingegen, schreibt man SMS oder werden automatisch E-Mails abgerufen, ist das anders.

Nun also gab es eine Liste mit Anrufdaten vom Benjamin S. am vermeintlichen Tattag bis zum nächsten Vormittag. Dazu kam eine Grafik, mittels derer nachvollzogen werden konnte, wann sich dessen Handy in welche Funkzellen eingewählt hat und und in welche Richtung sich Benjamin S. bewegt hat. Fazit: Der Weg auf der A46 nach Haan und später in ein Café und zu Freunden, den er nach dem Besuch bei den Großeltern gefahren sein will, stimmt mit dem überein, was die Polizei bei der Auswertung der Handydaten ermittelt hat.

Dass er nachweislich kurz vor seiner Ankunft zum Sonntagskaffee bei Christa und Enno Springmann mit seinem Geschäftspartner telefoniert hat, spricht nicht unbedingt dafür, dass der mit ihm im Auto auf dem Weg zum vermeintlichen Tatort gesessen haben kann. Oder telefoniert man miteinander, während man nebeneinander im gleichen Auto unterwegs ist?

Haben sich beide irgendwo in der Nähe verabredet und der Geschäftspartner ist erst kurz vor der Villa ins Auto gestiegen? Oder  war jemand anders mit dem Handy von Benjamin S. unterwegs und hat Anrufe getätigt, um im Funknetz falsche Spuren zu legen? Wären wir hier inmitten eines Kriminalromans, wären derartige Verschwörungstheorien eine literarische Finte. Hier allerdings bewegen wir uns in einem Indizienprozess und dazu gehört nun mal, dass Beweise eindeutig sein müssen.

Fazit aus Sicht der Verteidigung: Die Anklage gegen Benjamin S. kann so nicht weiter aufrecht erhalten werden. Und nicht nur das: Hinzu komme noch die Aussage der langjährigen Geliebten von Enno Springmann, die im Zeugenstand davon erzählt habe, dass es am Samstag vor der Tat einen schlimmen Streit im Hause Springmann gegeben haben soll.

War man bislang davon ausgegangen, dass es zwischen Großvater und Enkel wegen des abgebrochenen Studiums zum Disput gekommen sein könnte, so brachte Verteidiger Klaus Bernsmann nun eine andere Variante aufs Tapet: "Enno Springmann hatte Angst davor, dass sein Sohn ihn entmündigen lassen wollte. Darüber könnte es zwischen beiden zum Streit gekommen sein."

Ein Bekannter von Benjamin S., der den Enkel der Springmanns am Tag nach der Tat zum Tatort begleitet hatte, konnte sich noch gut an den Schrei des zum Haus der Eltern geeilten Sohnes erinnern. Der wäre so laut gewesen, dass er ihm bis heute nachhaltig in Erinnerung geblieben sei. Ob zu diesem Zeitpunkt schon klar war, dass es ein Gewaltverbrechen gegeben hatte? Fraglich.

Beim Gang ums Haus will der Zeuge übrigens eine umgestoßene Vase und aufgezogene Schubladen einer Kommode gesehen haben. Bislang war unklar geblieben, wie die Angehörigen von Christa und Enno Springmann ohne das Betreten des Hauses auf die Idee gekommen sind, dass es dort einen Überfall gegeben haben könnte. Polizisten hatten im Zeugenstand ausgesagt, beim Gang ums Haus nichts gesehen zu haben. Offenbar hat sie auch keiner der Angehörigen auf die angeblich schon vorher beobachteten Verwüstungen hingewiesen. Anders jedenfalls ließe sich dieser Widerspruch in den Aussagen nicht erklären.

Unklar ist auch, warum die Ex-Schwiegertochter der Springmanns - die zuerst am Tatort gewesen, aber das Haus nicht betreten haben will - ihren Sohn vor der offenen Haustür wartend per SMS alarmiert hat. Dass eine solche um 10.15 Uhr auf dessen Handy einging, konnte der Handyexperte berichten. Der Inhalt der Textnachricht ist erstaunlicherweise unbekannt. Benjamin S. rief zurück, das Gespräch zwischen Mutter und Sohn dauerte nur 40 Sekunden.

Man steht verängstigt vor einem Haus, befürchtet ein Unglück, informiert den Sohn per SMS und dann genügen 40 Sekunden am Telefon, um die Lage zu erklären? Und dann dauert es eine weitere Viertelstunde, bis Benjamin S. die Polizei alarmiert? So jedenfalls muss es gelaufen sein, wenn das stimmt, was der Handyexperte anhand der Daten des Telefonanbieters ermittelt hat.

Nun soll übrigens auch noch das Handy des mitangeklagten Geschäftspartners ausgewertet werden. Sollte sich herausstellen, dass es sich zum fraglichen Zeitpunkt an vollkommen anderen Orten ins Funknetz eingeloggt hat, wird es für die Anklage ziemlich eng.

Eine DNA-Spur am Tatort – ist das genug?

Die Rundschau-Radrunde