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Springmann 35. Verhandlungstag
Handyvideos zeigen Großvater und seine Ängste

Springmann 35. Verhandlungstag: Handyvideos zeigen Großvater und seine Ängste
Symbolfoto. FOTO: Redaktion
Wuppertal. Enno Springmann hatte Angst. Vor Drohnen, die nachts über dem Garten gekreist sein sollen. Vor hellem Licht jenseits des Grundstücks an Orten, wo er es vorher nie gesehen haben will. Und vor Männern, die in Bäumen gesessen haben sollen, um dort Äste hochzuziehen und wieder herunterzulassen. Von Mikko Schümmelfeder und Sabine Maguire

Man kann das für ein harmloses Durcheinander in der Seele eines alten Menschen halten. Oder auch für paranoide Anwandlungen eines Mannes, der sich von allem um ihn herum bedroht fühlte. Möglicherweise waren sie aber auch da, die Drohnen und die Männer im Baum. Klar ist nur eines: Der 91-Jährige wollte sich schützen. Und das gelingt ihm nun weniger denn je.

Sein Leben und das seiner Frau wird post mortem vor aller Augen ausgebreitet. Zeigt das Gericht zwischendrin Fotos vom Tatort, stehen Leute im Zuschauersaal auf, um nichts davon zu verpassen. Werden, so wie am mittlerweile 35. Verhandlungstag, auch noch Videos gezeigt, ist das bei weitem mehr, als irgendwo heimlich durchs Schlüsselloch zu gucken.

Aufgenommen mit dem Handy, vom Enkel der Springmanns. Der Großvater sitzt auf der Terrasse und erzählt von besagten Drohnen, die er gesehen haben will. Er wettert über offenstehende Türen und Besen, die draußen stehen würden und mit denen man die Scheiben einschlagen könnte. Er schimpft über seine Frau, die Geld an den von ihm verstoßenen Sohn überweist. Man sieht ihn mit seiner Frau streiten, die sich den verbalen Attacken aussetzt, um den Gesprächsfaden nicht abreißen zu lassen.

Im Hintergrund immer Benjamin S., der mal hilflos lacht und ein anderes Mal den Großvater so behandelt, wie man es mit jemandem tun würde, den man nicht ernst nimmt. Möglicherweise war es genau so, dann könnte man das beklagen. Vielleicht ist ein damals 24-Jähriger aber auch einfach nur überfordert mit einem Großvater, der in seiner eigenen Welt lebte. Ja, nicht jeder hätte so etwas gefilmt und dann auch noch an Freunde weitergereicht. In einer Generation, die im Selfiewahn von den Klippen fällt, darf man allerdings so Einiges für möglich halten.

Nun sind sie also in der Welt, diese Videos. Aus Sicht der Verteidigung von Benjamin S. zeigen sie deutlich, dass es zwischen Großvater und Enkel keinen Streit gegeben hat. "Davon ist dort nichts zu sehen", stellt Prof. Dr. Klaus Bernsmann klar. Und tatsächlich: In diesen, nur wenige Minuten langen Handyvideos sieht man Vieles, aber das nicht.

Und dennoch: Die modernen Errungenschaften einer Gesellschaft inmitten von Whatsapp- und Handyvideowahn können Segen und Fluch zugleich sein. Letzteres bekommt nun auch der Sohn der Springmanns zu spüren. Dessen Chatverlauf in einer von ihm selbst gewünschten WhatsApp-Gruppe als informativer Nachklapp zum Tod der Eltern wurden nun zu den Akten gereicht. Was dort getextet wurde, wird man nun lesen und darüber befinden, ob das Maß der Trauer ausreichend gewesen ist, um ihn aus dem Kreis der Verdächtigen streichen zu können. Indirekt hatte sich diesmal auch die Staatsanwaltschaft um dessen Entlastung bemüht. Die aufgetauten Hasenrückenfilets in der Küche, die noch nicht eingeschaltete Alarmanlage und Christa Springmann habe in Alltagskleidung am Schreibtisch gesessen: "Das Bild am Tatort spricht dafür, dass sie vor dem Abendessen getötet wurden", glaubt Staatsanwalt Hauke Pahre. Noch bevor der Staatsanwalt zu Ende gesprochen hatte, gab es heftige Proteste vonseiten der Verteidiger. War es das, wonach es sich anhörte? Ein vorgezogenes Plädoyer? Nein, war es nicht. Es wäre auch verwunderlich gewesen, wenn ein Staatsanwalt nicht wüsste, wann solche Worte erlaubt sind und wann nicht.

Zwischendrin gab es auch noch eine Liveschaltung per Handy in die JVA, wo man offenbar in den vergangenen Tagen die Zelle von Benjamin S. durchsucht hatte. Der vermisst seither Notizen, die er sich an den Verhandlungstagen gemacht haben will. In der JVA will man nichts dergleichen entwendet haben. Das sagte eine Justizbedienstete, die mit demjenigen gesprochen haben will, der den Durchsuchungsauftrag hatte. Und auch von Richter Robert Bertling war zu hören: "Hätte jemand etwas aus der Zelle mitgenommen, wäre es notiert worden." Man sei guter Hoffnung, dass sich das scheinbar Verlorene wieder finden lasse.

Ach ja, der Befangenheitsantrag der Verteidiger gegen die Kammer wurde zurückgewiesen. Es gab ohnehin kaum jemanden unter den Prozessbeobachtern, der etwas anderes erwartet hatte.

Die Rundschau-Radrunde