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Urteil im Springmann-Prozess
Einmal lebenslänglich

Urteil im Springmann-Prozess: Einmal lebenslänglich
Benjamin S. wurde schuldig gesprochen. FOTO: Holger Battefeld
Wuppertal. Im Wuppertaler Springmann-Prozess ist einer der Angeklagten am Dienstagvormittag (13. November 2018) zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt worden. Das Landgericht hielt den Enkel für schuldig. Von Sabine Maguire und Mikko Schümmelfeder

Paukenschlag: Benjamin S. (26) wurde wegen Mordes zu lebenslanger Haft unter Anerkennung der besonderen Schwere der Schuld verurteilt. Der mitangeklagte Ioannis P. (45) wurde von der Kammer freigesprochen. Es sei nicht erwiesen, dass er zum Tatzeitpunkt am Tatort gewesen sei. Seine dort nachgewiesene DNA könne darauf hinweisen, dass er später hinzugekommen sei.

Beim Enkel von Christa und Enno Springmann ist man hingegen davon überzeugt, dass er zum Tatzeitpunkt im Haus der Großeltern gewesen und an der Tat beteiligt gewesen sei. Er wurde nun wegen Totschlags und Mord verurteilt.

Es sei für ihn persönlich ein besonderer Prozess gewesen, so der Vorsitzende Richter Robert Bertling nach der Verkündung des Urteils. Eine nahezu romanhafte Geschichte habe sich vor der Kammer ausgebreitet, es habe ungeahnte Schwierigkeiten bei der Beweisaufnahme gegeben.

Bertling sprach nochmals über das, was man zum Lebens der Springmanns und zu dem der Angeklagten inmitten einer umfangreichen Beweisaufnahme ermittelt hatte. Vieles davon war bereits Bestandteil vergangener Verhandlungstage.

Zuvor war ein Raunen durch den Saal gegangen. Mit einem solchen Urteil hatte offenbar niemand gerechnet. Schluchzen bei den Angehörigen von Ioannis P., verzweifeltes Weinen bei der Mutter und den Verwandten von Benjamin S.

Der Geschäftspartner des Enkels, hier mit seinem Anwalt, wurde freigesprochen. FOTO: Holger Battefeld

Detailreich nahm Richter Robert Bertling das Miteinander von Großvater und Enkel in den Blick. Benjamin S. habe die Familie unter anderem wegen des längst abgebrochenen Studiums belogen, um sich so über Jahre hinweg Geld von Großvater und Vater zu erschwindeln. In den Wochen vor der Tat soll Enno Springmann angekündigt haben, seinem Enkel den "Geldhahn" zudrehen zu wollen. Die Schenkungssteuer für vorherige finanzielle Zuwendungen habe Benjamin S. so nicht bezahlen können. Letzte Klärungen sollte ein für den Tattag vom Großvater anberaumtes Gespräch mit dem Enkel bringen.

Den Tatablauf skizzierte Richter Bertling wie folgt: Aus Sicht der Kammer sei auch Ioannis P. vor Ort gewesen. Wie er dorthin gelangt sei, bleibt unaufgeklärt. Eine Tatbeteiligung sei ihm jedoch nicht nachzuweisen. Benjamin S. wiederum sei in das Haus der Großeltern gegangen, um dort Kaffee zu trinken. Ein Abendessen habe nicht mehr stattgefunden, dass hätten unter anderem die rechtsmedizinischen Untersuchungen ergeben. Somit habe man den Tatzeitpunkt entsprechend eingrenzen können. Enno Springmann, der zuvor angekündigt habe, mit seinem Enkel Tacheles reden zu wollen, sei aus Sicht der Kammer mit diesem in sein Zimmer gegangen. Man gehe davon aus, dass der Großvater dem Enkel einschneidende Veränderungen aufgekündigt habe, die sich auf dessen Lebenswandel ausgewirkt hätten.

Die Kammer geht von einer Affekttat des Benjamin S. aus Wut und Enttäuschung aus, nicht mehr von einer gemeinsam geplanten Tat mit dem nun freigesprochenen Ioannis P. Das leitende Motiv sei nicht Habgier gewesen.

Benjamin S. habe seinen Großvater zuerst geschlagen und dann erdrosselt. Später sei die Leiche umgelagert worden - möglicherweise um das Tötungsinstrument zu entfernen, dass man später bei den Ermittlungen nicht gefunden habe. Der Mord an der Großmutter sei eine Vertuschungstat gewesen. Benjamin S. Habe befürchten müssen, als Täter erkannt zu werden. Es sei möglich, dass die Springmanns bereits tot gewesen seien, als Ioannis P. hinzugekommen sei, um bei der Umlagerung der Leiche zu helfen. "Wenn er nur das gemacht hat, ist das nicht strafbar", so Richter Robert Bertling.

Die DNA-Spur von Ioannis P. auf dem Kissen neben dem toten Enno Springmann sei deutlich gewesen. Tatabsprachen mit dessen Enkel seien jedoch nicht nachweisbar - ebensowenig könne man Aussagen dazu machen, wie der mitangeklagte Geschäftspartner ins Haus gekommen sein soll. Benjamin S. hingegen würden Faserspuren nachweisbar belasten. Nach der Tat haben die Angeklagten aus Sicht der Kammer gemeinsam das Haus verlassen.

Der Vorsitzende Richter Robert Bertling. FOTO: Holger Battefeld

Benjamin S. habe später zu Zeugen gesagt, dass er seinen Opa nicht erschlagen habe. Da habe er aus Sicht der Kammer noch gar nicht wissen können, wie Enno Springmann zu Tode gekommen sei. Einem Autoverkäufer soll er kurz nach der Tat gesagt haben, dass seine Großeltern am Sonntag und keinesfalls am Montag ermordet worden seien. Auch das habe er zu diesem Zeitpunkt nicht wissen können.

Nachdem Benjamin S. das Haus verlassen haben soll, habe es keine Lebenszeichen der Opfer mehr gegeben. Anrufe seien unbeantwortet geblieben, die Alarmanlage blieb ausgeschaltet. Gegen einen Raubüberfall durch unbekannte Dritte spreche, dass Wertgegenstände überwiegend im Haus verblieben seien. Eine mögliche Täterschaft des Sohnes der Springmanns ist aus Sicht der Kammer ausgeschlossen. Es gebe dafür nicht nur kein Motiv, sondern vielmehr ein Alibi für die Tatzeit.

Hinsichtlich der Verurteilung von Benjamin S. wegen Totschlags und Mordes schließt das Gericht eine minderschwere Tat aus. Der Totschlag an Enno Springmann wurde mit 12 Jahren abgeurteilt, für den Mord an Christa Springmann käme nur eine lebenslange Haftstrafe in Betracht. Aus den Einzelstrafen werde eine lebenslange Gesamtstrafe gebildet. Gegen das Urteil kann Revision eingelegt werden.

Nach der Urteilsverkündung konnte Ioannis P. den Gerichtssaal als freier Mann verlassen. Sein Verteidiger Klaus Sewald rechnet damit, dass die Staatsanwaltschaft binnen einer Woche Revision gegen den Freispruch einlegen wird. Staatsanwalt Hauke Pahre kündigte bereits eine Erklärung an. "Ich bin froh, dass das Gericht den Mut hatte, nach dem Ergebnis der Beweisaufnahme zu urteilen", so Klaus Sewald. Man habe Restzweifel nicht ausräumen können und nach dem Grundsatz "in dubio pro reo - im Zweifel für den Angeklagten" entschieden.

Der Verteidiger von Benjamin S., Prof. Dr. Klaus Bernsmann, kündigte ebenfalls an, in Revision gehen zu wollen. Es habe ein rechtlicher Hinweis seitens des Gerichts gefehlt, dass sein Mandant als Alleintäter in Betracht gezogen werde. Aus vielerlei Gründen, aber unter anderem deshalb gehe man davon aus, dass die Revision erfolgreich sein werde.

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