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16. Tag im Springmann-Prozess
Der Hund im Wasser hinterm Ronsdorfer Berg

16. Tag im Springmann-Prozess: Der Hund im Wasser hinterm Ronsdorfer Berg
Symbolfoto. FOTO: Redaktion
Wuppertal. Für Freunde heißer Schlitten war der Einstieg im Springmann-Prozess am Mittwoch (6. Juni 2018) nach Maß: 20 Minuten lang wurden die bemerkenswerten Geschwindigkeitssünden im Autoleben des Angeklagten Benjamin S. vorgelesen - was bei manchen ein Grinsen, bei einigen anderen Empörung und bei den meisten gepflegte Langeweile hervorrief. Man ist mittlerweile Erregenderes im Umfeld des Prozesses gewohnt. Von Mikko Schümmelfeder und Sabine Maguire

Nicht dass der danach auftretende Vermögensberater (58) in seiner Seriosität mit einem in der Öffentlichkeit schillernden Enno Springmann hätte konkurrieren können. Da fehlte es doch stark an dessen Emotionalität und dem großem Auftritt. Immerhin wurden einige unbekannte Facetten im Verhältnis zu dessen Sohn bekannt. So soll Enno Springmann mit dessen Brautwahl nicht zufrieden gewesen sein, wie auch mit geschäftlichen Ausflügen in die Gastronomie. Der Berater räumte aber auch mit dem im Prozessverlauf des öfteren geäußerten Gerücht auf, dass der Sohn beim Verkauf der Familienfirma eine dubiose Rolle gespielt haben soll. Diesen hatte der Patriarch nach eigenem Drehbuch abgewickelt.

Von einer ganz anderen Seite lernte der Berater hingegen den Enkel Benjamin S. kennen. Da er selbst ein begeisterter Tischtennisspieler und ein Liebhaber schneller Autos war, wurde beim ersten Treffen mehr darüber gesprochen als über die Zukunftspläne des Angeklagten. Von Abbruch des Studiums zugunsten eines Handels mit exklusiven Autos riet er dringend ab. Nach seiner Überzeugung hätte der entsetzte Großvater die Reißleine gezogen. Und eine sachliche Aussprache mit Enno Springmann über ein solches Thema? Unvorstellbar!

Eine weitere Zeugin wurde zu fnanzinternen Abwicklungen von Schenkungssteuern und Immobilienbewertungen befragt. Für Experten tägliches Brot, für Ahnungslose eher langweilig. Wäre da nicht die erneute Nachfrage nach Schweizer Konten und Selbstanzeigen gestellt worden. Da wurde das Interesse aller direkt und indirekt Beteiligten riesengroß, die Schatzsuche nach versteckten Schließfächern und deren Schlüsseln und nach Nummernkonten scheint noch längst nicht abgeschlossen zu sein.

Eine Polizistin, als Erste am Tatort, wurde dann zu den noch offenen Fragen zu offenen Türen und der Sichtbarkeit von verwüsteten Zimmern rund ums Haus befragt. Nichts Neues, von außen war nichts zu erkennen. Ob von der versammelten Familie schon jemand vor der Polizei im Haus war, ließ sich nicht beantworten.

Bis dahin plätscherte der mittlerweile 16. Verhandlungstag seelenruhig vor sich hin. Verstohlenes Gähnen im Zuschauerraum, ein Blick auf den Einkaufszettel und unruhiges Hin- und Herrutschen wurden unübersehbar. Aber es gab ja noch die damals direkten Nachbarn, mittlerweile in den Norden verzogen, von denen man sich wenigstens einige sehr private Informationen erhoffen durfte.

Die hielten damit auch nicht hinterm Ronsdorfer Berg, der so still auch nicht gewesen zu sein schien. Der Großvater: einerseits korrekt, sehr großzügig und hilfsbereit. Dafür hörte man aber öfter, wie er seine Frau betrog. Wollte dazu noch unbedingt vermeiden, dass sein Sohn irgendwas von seinem Geld bekommt. Die Großmutter: nicht mehr gut zu Fuß, ließ überall ihren Schmuck rumliegen, der nicht gerade in einem der Tresore oder im Safe einer Bank war. Der Sohn: bis zum Todestag der Eltern fast unbekannt, fiel nach dem Mord an den Eltern durch merkwürdige Laute und die Aufforderung auf, esoterische Rituale rund um das Grundstück zu zelebrieren. Dazu verunsicherten kryptische Sprüche wie "Die Täter sind bekannt, die Polizei hat sie nur noch nicht!" und "Wenn die Handschellen klicken, ist die Genugtuung da!" Seine Trauer habe er in dem Satz geäußert: "Der Hund ist ins Wasser gefallen." Der Enkel: Wurde mit Geld geködert, wuchs im Streitumfeld seiner Eltern auf, war großspurig, redete laut und viel und gab teuren Autos die Sporen. Und dann war da noch die Exfrau des Sohnes als Haushälterin: interessiert, mit dem Geld der Großmutter das Haus der Zeugen zu kaufen. Deren Beobachtung: Die Opfer und ihre Familie hätten nur über Geld, Erbschaften und Testamente gestritten und das lautstark.

Der Mord an den Springmanns beförderte deren Nachbarn zu Mittelpunkten, Freunden und Vertrauenspersonen. Eingebunden in die Absperrungen, trösteten sie erst den Enkel, der, so die Nachbarn einmütig, mehrfach den Satz beichtete: "Wäre ich doch nur eine Stunde länger geblieben!", sich aber wegen des Zoffs der Großeltern auf der Autobahn abreagiert und sich jetzt der Nachbarin schluchzend an den Hals geworfen habe. Gejammert und geweint habe er und betont: "Ich hab doch meinen Opa nicht umgebracht!"

Dann trösteten sie seine Mutter, die ihnen dankbar beim Kaffeekränzchen erzählte, dass sie schon vor der Polizei im Haus gewesen sei und dort im Herrenzimmer ein schiefes Bild, zerwühlte Schränke und eine offene Schlafzimmertür bemerkt haben will. Von Enno Springmann keine Spur, obwohl der später genau dort gefunden worden sein soll. Ungläubiges Staunen der Zuhörer. Sollten diese Nachbarn den Schlüssel zur Aufklärung liefern können?

Aber es ging ja noch weiter: Der Nachbar, eigentlich Bäckermeister, aber auch engagierter Christ, verwandelte sich in einen veritablen Laien-Seelsorger mit Dauerbesuchserlaubnis beim inhaftierten Enkel Benjamin S., um bei diesem – natürlich überwacht – seine Weisheiten anzubringen: "Wer sich Gott öffnet, öffnet sich auch der Justiz." Mehr wäre da nicht gewesen. Bis die Anwälte dahinter kamen, sich diese Besuche verbaten und das möglicherweise erhoffte Geständnis vereitelten.

Und was war mit den Zetteln voller sinistrer Verschwörungstheorien, die von den Nachbarn ausgetüftelt wurden und zwischen dem inhaftierten Enkel sowie dessen Bewachung hin und her wanderten und fast selbstverständlich einen ganz anderen als Täter vermuteten?

Es besteht Klärungsbedarf. Und wer von den Teilnehmern an diesem Prozess jetzt in die Gerichtsferien fährt, braucht keinesfalls das übliche Rätselbuch für Regentage. Die Akten und die aktuellen Aussagen sind Lektüre genug.