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19. Tag im Springmann-Prozess
Das Zeitfenster der Tode

19. Tag im Springmann-Prozess: Das Zeitfenster der Tode
Symbolfoto. FOTO: Redaktion
Wuppertal. Rein. Raus. Nochmal rein. Und wieder raus. Am 19. Verhandlungstag im Springmann-Prozess wurde der "Ausschluss" zum geflügelten Wort. Es gab so einiges zu beschließen – und das sollte möglichst ohne Publikum vonstatten gehen. Von Sabine Maguire und Mikko Schümmelfeder

Hintergrund: Die Aussage einer langjährigen Geliebten von Enno Springmann war am vergangenen Verhandlungstag abgebrochen worden. Die Frau sprach in ihrer Videovernehmung von Verbrecherfußstapfen, in die der angeklagte Enkel nach Ansicht seines Großvaters treten würde. Hochgezogene Augenbrauen bei dessen Verteidigern und heute dann ein auf den ersten Blick fürsorglicher Ansatz: Aus "gesundheitlichen Gründen" sollte die Öffentlichkeit bei der Fortsetzung der Vernehmung ausgeschlossen werden.

Fassen wir die Entwicklungen in dieser Sache doch nochmals zusammen: Schon zu Beginn wollte man seitens der Verteidigung die Öffentlichkeit ausschließen – womit man bei der Kammer kein Gehör fand. Dann wollte man die Videovernehmung verhindern, was ebenfalls nicht gelang. Und nun will die Verteidigung bei der 83-Jährigen gar beginnende Demenz festgestellt haben, was deren Aussage unverwertbar machen würde. Bei deren Videovernehmung war davon augenscheinlich nichts zu merken.

Allenfalls die bohrenden Nachfragen der Verteidigung hatten bei der Zeugin für Verwirrung gesorgt. Um deren Gesundheitszustand zu klären, wurde nun der dem Prozess beiwohnende Psychiater damit beauftragt, die Zeugenfähigkeit der nach der Aussage ihrer Anwältin topfitten Dame festzustellen. In den Zeugenstand geladen und mit Verdacht auf Demenz in psychiatrische Obhut verwiesen? Puh, das muss man als Zeugin in einer Gerichtsverhandlung erst mal wegstecken.

Aber damit war's noch nicht genug: Die dennoch wahrscheinliche Fortsetzung der Zeugenvernehmung sollte laut Antrag der Verteidigung nicht nur unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden, sondern dazu auch noch mit einem Schweigegebot belegt werden. Das ging dem Vorsitzenden Richter dann doch zu weit: Die Prozessbeteiligten wären eh daran gebunden, ein Schweigegebot würde nur die Zeugin selbst und ihre Anwältin betreffen und eigentlich müssten die sich nicht daran halten.

Vergleichsweise unspektakulär verlief hingegen die Zeugenaussage des langjährigen Immobilienverwalters der Familie, der die Zusammenarbeit mit Enno Springmann so beschrieb, wie man es schon öfter gehört hat: Er wäre kritisch gewesen, differenziert, manchmal schwierig, manchmal Querulant. Dann natürlich aggressiv, leicht erregbar, nie zurückhaltend und oft erst mit Abstand von Argumenten überzeugbar. Dass er emotional war, oft ungerecht, wenn ihn was auf die Palme brachte, in vielen Dingen stur bis zum Ende, auch bei Kleinigkeiten.

Ob denn der Enkel studiert hätte? Nie, sagte der Verwalter, der als eigentlicher Maschinenbauer vom Fach war – Benjamin S. hätte von nichts eine Ahnung gehabt. Wen er denn als Täter verdächtigen würde? Entlarvende, wenn auch nicht ganz ernst zu nehmende Vermutung: Jeden, mit dem sich Enno Springmann je angelegt hätte.

Mit größerem Interesse wurde dann die Vernehmung des Gutachters erwartet, der den Todeszeitpunkt der beiden Opfer – wenn auch nur ungefähr – eingegrenzt hatte. Tenor: Es ist kompliziert. Wie nahe lagen die Ermordeten an der Heizung? Gab es nun eine Nachtabsenkung oder nicht? Genaue Angaben dazu fehlten offenbar im Gutachten. Warum überhaupt diese eigentlich trockene Diskussion?

Die Todeszeitpunkte - vor allem die Reihenfolge des Versterbens von Christa und Enno Springmann - sind einerseits für den Ablauf in der Mordnacht, also auch für Alibis von Bedeutung. Aber auch für das Erbverfahren, das bereits im Hintergrund läuft. Starb er zuerst, ist die Erbverteilung eine andere, als wenn sie zuerst starb. Sollte es der Verteidigung zudem gelingen, beide Gutachten zu entkräften, so würde dem Staatsanwalt ein weiteres Steinchen aus der Anklage wegbrechen.

Nur ein Gutes las die triumphierende Verteidigung des Enkels aus dem möglichen Zeitfenster der Todeszeitpunkte: Es liegt außerhalb des letzten Besuchs des Enkels am Sonntagnachmittag! Ob das nun bedeutend ist oder nur für die Galerie gesungen wurde, wird sich noch zeigen.