| 12.26 Uhr

Interview mit dem Verteidiger des Springmann-Enkels, Prof. Klaus Bernsmann
"Dann sind wir schnell im November"

Interview mit dem Verteidiger des Springmann-Enkels, Prof. Klaus Bernsmann: "Dann sind wir schnell im November"
Prof. Dr. Klaus Bernsmann, einer der Verteidiger des angeklagten Springmann-Enkels: „Kripo hat sich vorschnell festgelegt.“ FOTO: Mikko Schümmelfeder
Wuppertal. Der 33. Verhandlungstag im Springmann-Prozess bot einen kleinen Paukenschlag. Die Verteidigung stellte einen Befangenheitsantrag gegen das Gericht, über den eine andere Kammer nun bis Freitag zu entscheiden hat (mehr zum Ablauf insgesamt: hier klicken!). Von Sabine Maguire und Mikko Schümmelfeder

In unserem Interview resümiert Prof. Dr. Klaus Bernsmann, einer der Verteidiger des angeklagten Enkels, gegenüber unserer Mitarbeiterin Sabine Maguire das bisherige Prozessgeschehen – aus seiner Sicht... 

Rundschau: Sie haben den Ausschluss der Nebenklage beantragt, die vom Sohn der Springmanns betrieben wird. Warum?

Bernsmann: Üblicherweise bleibt die Nebenklage echten Opferzeugen vorbehalten. Der Sohn der Springmanns ist das nicht. Das Gesetz lässt die Nebenklage dennoch zu. Wir haben es hier jedenfalls mit einer seltsamen Konstellation zu tun.

Rundschau: Was genau meinen Sie damit?

Bernsmann: Als Nebenkläger hat der Sohn der Springmanns eine Fülle von Rechten, die der Staatsanwaltschaft zustehen. Zusätzlich hat er noch die Möglichkeit zu Verdachtsmomenten, die ihn selbst betreffen, mittelbar Stellung zu beziehen. Als Vater des Angeklagten hat er hingegen das Recht, die Aussage zu verweigern.

Rundschau: Aus Ihrer Sicht gibt es Verdachtsmomente, die ihn als Täter in den Fokus rücken?

Bernsmann: Die Auswertung der Handydaten spricht dafür, dass er am vermeintlichen Tattag um 22.15 Uhr in Tatortnähe gewesen sein könnte. Und dann nochmals am nächsten Morgen um 8.15 Uhr, kurz bevor seine Exfrau dort vor offenen Türen stand und die Polizei alarmiert wurde. Was hat er zu dieser Zeit dort gemacht? Und warum war er am Freitag vor dem Mord nicht wie üblich mit seiner Mutter essen? All das ist den Ermittlungsbehörden bekannt. Warum ist man dem nicht intensiver nachgegangen?

Rundschau: Der Sohn der Springmanns soll kurz nach der Tat zu Nachbarn gesagt haben, dass die Täter bekannt seien und die Polizei sie nur nicht kenne. Etwas aus dem Reich der Fabeln und Legenden? Oder weiß er etwas, dass Sie nicht wissen?

Bernsmann: Ja, auch das befremdet. Warum hat man da nicht nachgehakt? Stattdessen hat man sich schon früh auf Benjamin Springmann als Beschuldigten festgelegt und einseitig ermittelt. Wer so etwas sagt, könnte möglicherweise Kontakt zum Täter haben. Warum ist man dem nicht nachgegangen, um stattdessen vorschnell zu sagen, dass sich die Spur erledigt habe?

Rundschau: Im Haus der Springmanns wurde nichts gestohlen. Das Motiv für die Gewalttat wird daher bei denen gesucht, die als Erben vom Tod der Eheleute profitieren. Sehen Sie da noch andere, mögliche Szenarien?

Bernsmann: Ob wirklich nichts gestohlen wurde, ist fraglich. Niemand weiß, was tatsächlich im Haus war. Die Springmanns sollen Schmuck und Geld - nicht ausschließbar am Finanzamt vorbei - gehabt haben.

Rundschau: Es soll eine DNA-Spur geben, die bislang nicht zugeordnet werden konnte. Läuft ein Täter frei herum?

Bernsmann: Spekulation, wie so vieles in diesem Prozess. Die Täter sind ziemlich professionell vorgegangen. Christa Springmann wurde nicht einfach nur mit ihrem Schal erwürgt, sondern der wurde zu einer Profischlinge gebunden. Enno Springmann scheint zuvor geschlagen und gequält worden zu sein – möglicherweise um etwas von ihm herauszubekommen.

Rundschau: Und die DNA- und Faserspuren, die Benjamin Springmann und dessen Geschäftspartner belasten?

Bernsmann: Spuckt jemand, der einen Mord begeht - und so verhüllt ist, dass er sonst keine Spuren hinterlässt – neben dem Opfer auf ein Kissen? Das zumindest wird dem Mitangeklagten von Benjamin Springmann unterstellt. Die Herkunft der Faserspuren ist auch alles andere als geklärt. Der Sachverständige konnte nicht genau sagen, wie häufig diese Fasern vorkommen und ob es sich zwangsläufig um ein und dieselbe Quelle handeln muss. Das Auto wurde auch erst vier Wochen nach der Tat untersucht.

Rundschau: Benjamin Springmann ist wegen Mordes angeklagt. Für den Fall, dass die Indizien gegen ihn nicht ausreichen: Kann er einfach nur aufgrund eines Motivs wegen Beihilfe zum Mord verurteilt werden?

Bernsmann: Er ist wegen Mittäterschaft angeklagt. Es wird davon ausgegangen, dass beide Angeklagten die Tat gemeinsam im Haus der Großeltern begangen haben. Sollte das Gericht zur Ansicht gelangen, Benjamin Springmann habe dem oder den Tätern lediglich geholfen, ohne zur Tatzeit am Tatort gewesen zu sein, so wäre das eine nicht angeklagte Tat.

Rundschau: Was ist von Ihrer Seite vor dem endgültigen Abschluss der Beweisaufnahme noch zu erwarten?

Bernsmann: Wir werden uns nochmals eingehend mit den Faserspuren befassen. Außerdem drängen wir darauf, ein weiteres Gutachten zur Ermittlung des wahrscheinlichen Todeszeitpunktes in Auftrag zu geben. Aus unserer Sicht hat die Rechtsmedizin nicht alle Möglichkeiten zur genauen Todeszeitbestimmung ausgeschöpft. Für die Zeit ab 17.30 Uhr und auch schon kurz davor hat Benjamin Springmann jedenfalls ein Alibi.

Rundschau: Ursprünglich waren 35 Verhandlungstage angesetzt, weitere 20 sind bis in den November hinein bereits terminiert. Gehen Sie davon aus, dass die Kammer noch unter dem Vorsitz des dann in Pension gehenden Richters Robert Bertling zu einem Urteil kommen wird?

Bernsmann: Es scheint ja nun nochmals Bewegung in die Sache zu kommen, nachdem wir die mangelnde Ermittlungstätigkeit der Kripo in Richtung des Sohnes und die vorschnelle Festlegung auf Motiv und Täter bemängelt haben. Sollten weitere Sachverständige mit der Feststellung des Todeszeitpunktes beauftragt werden, wären wir auch schnell im November. angelangt.

Die Rundschau-Radrunde