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Der 34. Tag im Springmann-Prozess
Befangenheitsantrag, Urlaubsstress und Drohnen

Der 34. Tag im Springmann-Prozess: Befangenheitsantrag, Urlaubsstress und Drohnen
Symbolfoto. FOTO: Redaktion
Wuppertal. Es war ein Verhandlungstag mit abruptem Ende. Davor hatte es Fragen über Fragen gegeben. Die erste, alles bestimmende galt dem Prozess selbst. Der war nach dem Befangenheitsantrag der Verteidiger ins Schlingern geraten. Bis zum Mittag sollte darüber eigentlich eine andere Kammer entschieden haben. Von Mikko Schümmelfeder und Sabine Maguire

Die Konsequenzen, wenn dem Antrag entsprochen wird? Im extremsten  Fall drohen mehrmonatige Verzögerungen, bis die neue Kammer gebildet und eingearbeitet ist. Sollte er abgelehnt werden, könnten die Anwälte ihren Druck erhöhen.

Diesmal jedenfalls wurde, ungeachtet längerer Wartepausen, noch nichts entschieden. Aus "technischen Gründen", wie es offiziell hieß. Es fehlte wohl ein Richter der anderen Kammer, die über den Befangenheitsantrag hätte entscheiden sollen. Also fiel die Nachmittagsverhandlung aus, in der eigentlich der Gutachter etwas über den Seelenzustand von Benjamin S. hätte erzählen sollen.

Die zweite, nicht minder interessante Frage hatte sich zuvor in der Vernehmung einer Ex-Freundin des Sohnes der Opfer ergeben. Die war auf Anweisung des Vorsitzenden Richters sehr kurzfristig als Zeugin geladen worden, nachdem die Verteidigung die einseitige Ermittlung gegen die beiden Angeklagten kritisiert hatte. Im Fadenkreuz: der Sohn von Christa und Enno Springmann, dessen Status als Nebenkläger sehr kritisch gesehen wurde. Der war offenbar gleich zu Beginn der Ermittlungen aus der Liste der Verdächtigen gestrichen worden. Ein Alibi existierte nur vom Hörensagen, in der Akte soll dazu jedenfalls nichts gestanden haben.

Nun also waren diese Ex-Freundin und deren Sohn vom Niederrhein an die Wupper gekommen, um das hier auszusagen: "Er hat mit uns am Tattag in Rheinberg einen Geburtstag gefeiert." Am Abend sei er gegen 20 Uhr von dort nach Wuppertal zurückgefahren. Danach habe sie auch keinen telefonischen Kontakt mehr mit ihm gehabt. Hat der Sohn der Springmanns nun ein Alibi? Ja, hat er: Das sagen die Ermittler, die von einer Tatzeit zwischen 16 und 19 Uhr ausgehen. Nein, hat er nicht - entgegnen die Verteidiger. Im Ergebnis verschiedener Gutachten könne der Todeszeitpunkt auch sehr viel später liegen und die Zeit bis nach Mitternacht umfassen.

Die dritte Frage ergab sich aus den sehr persönlichen Schilderungen der Ex-Freundin. Ja, sie wäre im Januar 2017 schnell vom Sohn der Springmanns begeistert gewesen. Bereits im März habe er sie seiner Mutter als neue Partnerin vorgestellt. Das sei bei einem der wöchentlichen Treffen von Christa Springmann mit ihrem Sohn gewesen, von denen Enno Springmann nichts habe wissen dürfen.

Natürlich sei der Mord an seinen Eltern ein tiefer Einschnitt gewesen. Der Sohn der Springmanns sei sehr emotional gewesen und habe viel geweint. Er habe einen Stiefsohn verdächtigt und es komisch gefunden, dass seine Ex-Frau als Haushälterin bei den Springmanns trotz offener Haustür nicht ins Haus gegangen sei, obwohl dort jemand verletzt hätte drin liegen können.

Mit der Ex-Freundin soll der Sohn der Springmanns über viele private Dinge gesprochen haben. Auch über den Hass des Vaters auf ihn, der die Familienfirmen gerettet habe und sich von ihm dafür als Taugenichts habe beschimpfen lassen müssen. Es habe ihn auch verbittert, dass er in Brasilien entführt worden sei und sein Vater kein Lösegeld habe zahlen wollen.

Und dann sei da seine Angst, im Testament schlechter dazustehen. Wichtig wäre ihm dabei auch gewesen, wer zuerst gestorben sei. Besonders pikant: seine schon bei anderen Gelegenheiten geäußerte Vermutung, dass seine Ex-Frau mit dem extrem kontaktfreudigen Vater ein Verhältnis gehabt habe. Und dass sein nun angeklagter Sohn gar nicht von ihm gezeugt worden sei, sondern von seinem Vater.

Privat schien mit der damaligen Freundin sonst alles gepasst zu haben: Noch vor der Beerdigung der Eltern habe der Sohn der Springmanns mit ihr Verlobungsringe ausgesucht. Das gemeinsame Domizil war schon besichtigt und sollte gekauft werden – deren Sohn habe sich sogar schon ein Zimmer aussuchen können. Und dann war da dieser spontane Oster-Urlaub in Holland, in dem sich alles änderte. Nichts hätte ihm dort gefallen, es gab Streit und am dritten Tag war nicht nur der Urlaub abrupt zu Ende, sondern auch die Beziehung.

Die Verteidigung pickte sich dann auch noch ein pikantes Detail heraus. Fühlte Enno Springmann sich nicht von Drohnen über seinem Grundstück bedroht? Das sei von vielen belächelt worden. In einem Handyfilm von Benjamin S. beschreibt er allerdings genau die Drohnen, die er gesehen haben will.

Jetzt verlangt der Anwalt die Heranziehung dieses Films. Ihm war aufgefallen, dass ein Sohn der Ex-Freundin ein Drohnen-Experte sei, der sogar bei Meisterschaften antritt. Auch deren jüngerer Sohn kennt sich mit Drohnen aus, und zu dem hatte wiederum der Sohn der Springmanns einen guten Draht. In diesem Prozess der Unwahrscheinlichkeiten müsse man auch den unwahrscheinlichsten Spuren nachgehen.

Die Rundschau-Radrunde