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Handicap-Klettergruppe "Die GäMSen"
Wie Ziegen an der Steilwand

Handicap-Klettergruppe "Die GäMSen": Wie Ziegen an der Steilwand
Achim Sievernich ist 55 Jahre alt, hat Multiple Sklerose und klettert seit einem Jahr bei den „GäMSen“. Im Hintergrund zu sehen ist Peter Weigel, der Gründer der Handicap-Klettergruppe. FOTO: Bettina Osswald
Wuppertal. Durch Zufall ist Peter Weigel bei der Suche nach Videos übers Gleitschirmfliegen auf einen Youtube-Clip über "Paraclimbing" gestoßen – und hängen geblieben. In dem Video kraxelt ein Mann, trotz gelähmter Beine, eine Kletterwand hoch. Seine Füße platziert er mit den Händen auf den Tritten.  Von Hannah Florian

In Peter Weigels Kopf legte sich ein Schalter um. Wenn der das kann, dann kann seine Frau das sicher auch. Das war der Beginn der Wuppertaler Handicap-Klettergruppe "Die GäMSen". 

Peter Weigel ist schon lange ein begeisterter Kletterer. Seine Frau war es eigentlich nicht. Die Begeisterung packte sie erst, als die Krankheit kam und sie sich aufgrund ihrer Multiplen Sklerose nicht mehr so bewegen konnte wie früher. An der Kletterwand war das anders. Da konnte Petra Weigel zeigen, was trotz MS in ihr steckte. "Damals war uns die therapeutische Wirkung des Kletterns noch gar nicht bewusst", sagt Peter Weigel. Festgestellt hat das Ehepaar nur, dass sich Petra Weigel nach dem Klettern für kurze Zeit viel sicherer bewegen konnte als zuvor. 

Mittlerweile weiß der Hobby-Kletterer: "MS-Erkrankte leiden oft unter Koordinationsproblemen. Das Klettern verhilft ihnen zu einem neuen Körpergefühl." Wie genau das funktioniert und wie sich ein Mensch, der eigentlich im Rollstuhl sitzt, trotzdem sicher an der Kletterwand bewegen kann – das kann der Wuppertaler nur schwer erklären. "Schauen Sie es sich einfach an", lädt er ein.

Achim Sievermich in Aktion an der Wand. Normalerweise sitzt er im Rollstuhl. FOTO: Bettina Osswald

 Jeden zweiten Samstag im Monat treffen sich rund 20 MS-Erkrankte mit Freunden und Angehörigen an den "Wupperwänden" in Langerfeld. Einige von ihnen kommen sogar aus Lippstadt nach Wuppertal gereist. Gestartet sind die "GäMSen" mit 10 Mitgliedern, heute sind es fast 50. 

Entwickelt hat sich die Gruppe auf Initiative des Ehepaares Weigel. "Als wir gesehen haben, dass es geht, sind wir für die Gründung an den Wuppertaler Alpenverein herangetreten", erzählt der Hobby-Kletterer. Trotzdem, betont er, wären die "GäMSen" ohne die Hilfe der Freunde und Bekannten der an MS-Erkrankten nicht das, was sie heute sind. "Ohne die ganzen freiwilligen Helfer würde es nicht funktionieren."
Wenn sich die Gruppe an den "Wupperwänden" trifft, ist die Stimmung gelöst. Die Mitglieder tragen T-Shirts mit dem "GäMSen"-Logo, umarmen sich herzlich und tauschen sich aus. "Wir sind mehr als eine Sportgruppe", sagt Weigel. Ein paar Handicap-Kletterer litten anfangs unter Höhenangst, einige laufen an Gehhilfen, andere sitzen im Rollstuhl. "Multiple Sklerose ist immer anders, ich muss mich auf jeden Kletterer neu einstellen." Bisher hat es noch fast jeder an die Wand geschafft. "Nur einmal kam ein Mann, bei dem saß die Krankheit in den Händen. Da ging es einfach nicht", erzählt der Gruppen-Gründer. 

Während die "GäMSen" samstags klettern, gibt Peter Weigel zusammen mit anderen Trainern Kurse. Mittlerweile verfügt der Wuppertaler über den Zusatz-Trainerschein C für Menschen mit Behinderung. Bei MS-Erkrankten hilft ihm der Schein trotzdem nicht immer weiter. "Da fehlen generell einfach Erfahrungswerte." Die Gruppe zieht diese aus ihren Erlebnissen. Dafür wurden sie im letzten Januar beim Wettbewerb des Deutschen Olympischen Sportbundes und der deutschen Volksbanken-Raiffeisenbanken sogar mit dem "Großen Stern des Sports" ausgezeichnet. Vor einigen Monaten folgte die Nominierung für den "Deutschen Engagementpreis". 

Mehr Informationen zu den "GäMSen" und ihren Aktionen unter www.die-gaemsen-wuppertal.de/.

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