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Prostitution, Drogen, Geldeintreiberei
Ex-"Osmane" spricht vor Gericht über die Organisation

Ex-Osmane nennt vor Gericht in Wuppertal Interna
Rechtsanwalt Thorsten Merz (li.) mit dem Angeklagten (31) im Landgericht Wuppertal. FOTO: Lotze
Wuppertal. Mit Namen, Hintergründen und Einzelheiten zur Organisation ist ein 31 Jahre alter mutmaßlicher Ex-Boss der Straßengang "Osmanen Germania" in seinen Prozess um Verabredung zu Mord und Bestrafungsaktionen gestartet. Der Mann gestand Donnerstag (3. Januar 2018) vor dem Landgericht gefährliche Messerstiche bei einer so genannten "Abreibung" 2016 in Oberbarmen für einen "Abtrünnigen". Von Dirk Lotze

Der habe angeblich eine Splittergruppe "Osmanen Wuppertal-Süd" gründen wollen. Das Opfer überlebte schwer verletzt. Um das Geschehen habe es anschließend ein gruppeninternes Gericht gegeben, vor Ober-Bossen in Frankfurt am Main. Die Ziele der Osmanen habe er zunächst nicht gekannt, erklärte der Angeklagte: "Ich habe das erst mitbekommen, als ich mal bei einem der größeren Treffen dabei war: um Prostitution, Drogen und Geldeintreiberei. Es ging die ganze Zeit um Geld."

Die inzwischen verbotenen "Osmanen Germania" gaben sich mit Abzeichen, Lederwesten und Gruppenregeln ein rockerähnliches Gepräge, ohne einen Bezug zu Motorrädern zu haben. Sie nannten sich "Box Club". Laut Angeklagtem spielte allerdings auch Sport keine Rolle; ebenso wenig wie Kampf zwischen Erdoğan-Gegnern und regierungstreuen Türken.

Im Prozess verhandelt das Gericht mit einer Absprache: Bei vollem Geständnis wird die Strafe höchstens fünf Jahre und drei Monate Gefängnis betragen. Vier Jahre würden es dann allerdings mindestens werden - Bewährung ausgeschlossen.

Den Angaben des Mannes zufolge wäre er keinesfalls als "Vizepräsident" die Nummer zwei des Wuppertaler Teils der Osmanen gewesen, wie es frühere Hinweise nahe legen. Der 31-Jährige ehemalige Gelegenheitsarbeiter in der Gastronomie sagte, er sei nur vorübergehend "Kandidat" gewesen, allerdings persönlicher Freund des "Präsidenten" und deshalb in einer besonderen Position. Später habe er die Gruppe verlassen und in Dortmund für eine Sicherheitsfirma gearbeitet.

Er bestritt, bei einem Großauflauf von Osmanen und weiteren Personen am 13. Juni 2017 auf dem Platz der Republik in der Nordstadt eine maßgebliche Rolle gespielt oder gar den Tod eines Aussteigers befohlen zu haben: "Ich habe da auf der Bank gesessen und gedacht, es soll geredet werden.

Aber einer hatte den Großalarm ausgelöst. Die Leute kamen von überall her - aus Köln und Frankfurt. Ich habe gar nichts gemacht. Ich bin nicht mal weggelaufen, als auf einmal überall Blaulicht der Polizei war und ein Hubschrauber kam." Laut Polizei hatten Anwohner den Notruf gewählt, als sie die gefährliche Ansammlung auf dem Platz bemerkten.

Im Prozess gegen den 31-Jährigen geht es zusätzlich um eine Serie Betrugsvorwürfe: Er habe Kleidung und Haushaltsgeräte überwiegend für seinen eigenen Bedarf im Versandhandel bestellt, ohne zu bezahlen. Diese Vorwürfe gab der Mann zu. Laut Staatsanwaltschaft diente ihm dieser Hintergrund quasi als Eintrittskarte bei den Osmanen: Er habe sich als Fälscher und Betrüger angeboten. Vom Tisch ist ein Vorwurf, der Angeklagte habe einen Mietwagen für 100.000 Euro unterschlagen wollen: Zusätzlichen Ermittlungen zufolge soll der 31-Jährige nun doch nicht als Täter in Frage kommen.

Gegen den mutmaßlichen Aussteiger (36), um den es auf dem Platz der Republik gegangen sein soll, bestätigten andere Richter des Landgerichts ebenfalls am Donnerstag eine Gefängnisstrafe von einem Jahr und acht Monaten: Er habe im Januar 2017 eine Frau zur Prostitution gebracht, die noch nicht 21 Jahre alt war.

Dieser Angeklagte beendete seinen Prozess mit Vorwürfen und einer Drohung gegen die Behörden: "Wenn mich noch mal ein Polizist aus Wuppertal in meiner Zelle besucht, dann passiert was." Zur Staatsanwältin fügte er hinzu: "Das können Sie ruhig aufschreiben." Die Richter erklärte er als voreingenommen: "Ich wusste, dass ich keinen gerechten Prozess bekommen würde. Wir haben bei den Osmanen unsere Informationen gehabt. Wir wussten vorher, wo die Polizei ist und wo nicht. Überall waren Razzien, aber in Wuppertal nicht. Es geht gar nicht um mich. Es geht nur darum, dass hier irgendwo ein großer Bulle ist."

Er fügte hinzu: "Ihr kriegt mich nicht kaputt. Ich freue mich schon auf die nächsten Prozesse." Durchsuchungen in Wuppertal mit Bezug zu Osmanen Germania gab es nach Informationen der Wuppertaler Rundschau 2017 und 2018, unter anderem im Hinblick auf das Verbot der Gruppe.

Der 36-Jährige fügte hinzu, ein Brief sei unter zweifelhaften Umständen aus seiner Zelle verschwunden. Die Behörden hätten ihn gefragt, wo sie den früheren Kopf der Wuppertaler Osmanen finden würden. Er stellte einen Zusammenhang damit her, dass ein Polizist diesen Mann im Februar 2018 bei einem Einsatz in dessen Wohnung in der Elberfelder Nordstadt erschoss.

Der 36-Jährige kann Revision einlegen. Er bleibt bis in Untersuchungshaft, bis sein Urteil rechtskräftig wird. Laut Gericht erhielt er einen Drohbrief, der ihn von Aussagen in weiteren "Osmanen"-Prozessen abschrecken soll. Gegen den 31-Jährigen verhandelt das Landgericht am 14. Januar 2019 weiter.

Die Rundschau-Radrunde