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Johannes-Rau-Gymnasium
Der Konflikt um das Beten

Johannes-Rau-Gymnasium: Der Konflikt um das Beten
Die Wellen um das Gebetsverbot am Johannes-Rau-Gymnasium schlagen hoch und sorgen weltweit für Schlagzeilen. FOTO: Louisa Rohde
Wuppertal. Anfang März wurde das Gebetsverbot am Johannes-Rau-Gymnasium öffentlich. Seitdem macht die Schule weltweit Schlagzeilen. Eine Ex-Schülerin spricht jetzt über Missionierungsversuche im Klassenzimmer.

Es war nur ein internes Schreiben, unterzeichnet von der Schulleitung eines Wuppertalers Gymnasiums, gerichtet an das eigene Lehrerkollegium mit den Worten, "dass muslimische Schülerinnen und Schüler im Schulgebäude für andere deutlich sichtbar beten (…)". Und weiter, fett gedruckt: "Dies ist nicht gestattet." Dann brach eine Lawine los. Jubelnde Unterstützung, harsche Kritik und besonnene Worte, die in den radikalen Positionen unterzugehen drohten. Aber was ist tatsächlich vorgefallen, am Johannes-Rau-Gymnasium in Barmen?

Sarah Koch (Name von der Redaktion geändert) ist bereits vor drei Jahren von der Schule abgegangen. Freiwillig und trotz guter Noten. Immer wieder habe eine Mitschülerin mit marokkanischen Wurzeln sie massiv bedrängt. "Sie sprach von Pierre Vogel und wollte mich für den radikalen Islam anwerben", erzählt die Studentin. "Diese Clique hat uns westlich gekleidete Mädchen von oben bis unten gemustert." Ihre Mutter suchte das Gespräch mit dem damaligen Schulleiter. Er habe den Hinweis auf radikale Tendenzen in der Schülerschaft ignoriert. Koch: "Dabei haben sich wahre Glaubenskriege auf dem Schulhof abgespielt." 

Ein anderer Vater dagegen sagt, seine Tochter, die derzeit am Johannes-Rau-Gymnasium ihr Abitur macht, habe in all den Jahren nichts dergleichen mitbekommen. Den Konflikt mag er deshalb nicht bewerten, das Verhalten der Schulleitung, eine schriftliche Anordnung ohne vorhergegangenes Gespräch auf den Weg zu geben, halte er für "sehr unglücklich". Er hofft nun, dass an der Schule bald eine friedliche Lösung gefunden werde.

Helge Lindh, Vorsitzender des Wuppertaler Integrationsrates, war ebenfalls überrascht, als er die Schlagzeilen über die Schule, die doch die Auszeichnung "Schule gegen Rassismus" trägt, las. "Aber tatsächlich hat dieses Gymnasium einen besonders hohen Anteil von Schülern mit Migrationshintergrund", so der Bildungsbeauftragte der SPD. "Vielleicht ist der Konflikt deshalb dort ausgebrochen." Gebetsraum oder Gebetsverbot? Lindh ist überzeugt, dass die Entscheidung an der Schule selbst getroffen werden muss. "Schüler, Eltern und Lehrer müssen eine Lösung finden. Wichtig ist nur, dass diese Entscheidung dann für alle Religionsgemeinschaften gelten muss."

Die Suche nach einer einvernehmlichen Lösung sei derzeit im Gange, meldete am Montag die Bezirksregierung auf Rundschau-Nachfrage: "Es haben bereits erste Gespräche stattgefunden. Einbezogen sind sowohl Lehrer, Schüler- und Elternvertreter, aber auch Vertreter der muslimischen Gemeinden, die mit der Schule in Verbindung stehen." Ziel der Gespräche sei es, Wege zu finden, wie man mit der kulturellen und religiösen Vielfalt so umgehen kann, dass niemand sich gestört, beeinträchtigt oder benachteiligt fühlt. 

In Berlin hat übrigens in einem ähnlichen Fall das Verwaltungsgericht der dort betroffenen Schule die Entscheidung abgenommen. In dem Urteil von 2011 heißt es: "Der mit der Einschränkung des Grundrechts verfolgte Zweck ist aber höher zu gewichten als die Beeinträchtigung der Glaubensfreiheit des Klägers. Der Wahrung des Schulfriedens kommt besonderes Gewicht zu (…) Bei einer solchen Fallgestaltung muss die Religionsausübung des Klägers hinter die Wahrung des ebenfalls verfassungsrechtlich geschützten Schulfriedens zurücktreten."