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Familienfest am Samstag
Abschied vom Elberfelder Heizkraftwerk

Familienfest am Samstag: Abschied vom Elberfelder Heizkraftwerk
Das ursprüngliche Gebäude wich in den 1960er Jahren einem nüchternen Neubau. FOTO: WSW
Wuppertal. Die Wuppertaler Stadtwerke (WSW) verabschieden das Heizkraftwerk Elberfeld am Samstag (7. Juli 2018) von 14 bis 17 Uhr mit einem großen Familienfest. Gleichzeitig wird die neue Talwärme-Leitung durch NRW-Umweltministerin Svenja Schulze eingeweiht.

Am 7. Juli schlagen die WSW ein neues klimafreundliches Kapitel in der hundertjährigen Geschichte der Wuppertaler Fernwärmeversorgung auf: In Anwesenheit von Bundesumweltministerin Svenja Schulze wird am Samstag die neue Fernwärmeleitung vom AWG-Müllheizkraftwerk zum Fernwärmenetz im Tal offiziell in Betrieb genommen. Mit der neuen Talwärme können dann auch die Kunden in Elberfeld und Barmen die umweltschonend produzierte Wärmeenergie aus der Müllverbrennung nutzen

"Der 2016 begonnene Umbau des Fernwärmenetzes ist für Wuppertal das klimapolitisch wichtigste Projekt dieses Jahrzehnts", sagt Andreas Feicht, Vorstandsvorsitzender der WSW Energie & Wasser AG. Durch die Umstellung wird sich der jährliche CO2-Ausstoß in Wuppertal um rund 450 000 Tonnen verringern, denn das kohlegefeuerte Heizkraftwerk der WSW im Stadtteil Elberfeld wird stillgelegt. Damit endet nach 120 Jahren auch die Kohleverstromung in Wuppertal.

Den Beginn der Talwärmeversorgung und das Ende der Kohle-Ära feiern WSW und AWG am Müllheizkraftwerk Korzert und am Heizkraftwerk Elberfeld mit einem großen Familienfest. An der Kabelstraße gibt es unter anderem Torwandschießen, einen Segway-Parcours, Dampfeisenbahn, Bungee-Trampolin, Entenangeln, eine Hüpfburg und ein Falkner präsentiert seine Raubvögel. Beide Kraftwerke können besichtigt werden. Zwischen den Standorten verkehrt an diesem Tag ein Shuttlebus.

Mit dem Bau des Kraftwerks Elberfeld wurde 1898 begonnen. Die 1901 offiziell eröffnete Schwebebahnstrecke ist noch nicht fertig gestellt. FOTO: WSW

Am 8. Juli 1898 begann der Bau des Kraftwerks Elberfeld. Die Baukosten beliefen sich auf über 4.400.000 Goldmark. Für diese Summe gönnte man sich in der preußischen Industriestadt nicht nur ein zweckmäßiges Gebäude zur Unterbringung von Kesseln und Turbinen, sondern einen ästhetische ansprechenden Prestigebau. Der Standort an der Kabelstraße bot sowohl einen Eisenbahnanschluss für die Kohlelieferung aus dem Ruhrgebiet, als auch Zugang zu Kühlwasser aus der Wupper. In Betrieb genommen wurde das Kraftwerk 1900, im selben Jahr, in dem Kaiser Wilhelm II. die Schwebebahn einweihte.

Von der Kabelstraße aus wurden nicht nur große Industriebetriebe, wie das Elberfelder Stammwerk der Farbenfabriken vorm. Friedr. Bayer & Co., und erste Privathaushalte mit Strom versorgt, sondern auch die Straßenbahn Barmen-Elberfeld, die Bergische Kleinbahnen AG, die Kleinbahn Elberfeld-Cronenberg-Remscheid-Sudberg und natürlich die Schwebebahn.

Produziert wurde die elektrische Energie mit einer Parsons-Turbine, zur damaligen Zeit ein echtes High-Tech-Produkt. Erst 16 Jahre zuvor hatte sich der Brite Charles Parsons seine geniale Dampfturbine patentieren lassen. Die in Newcastle upon Tyne gebaute Maschine hatte eine Leistung von 1000 Kilowatt. Um die Jahrhundertwende besaß Elberfeld damit eines der modernsten Kraftwerke auf dem europäischen Kontinent.

1920 fusionierte das kommunale Elberfelder Elektrizitätswerk mit dem Kraftwerk Kupferdreh zur Bergischen Elektrizitäts-Versorgungsgesellschaft (BEV), die auch Betreiberin des Kraftwerks Elberfeld wurde. Hintergrund war die Kohleknappheit während und nach dem Ersten Weltkrieg. Das Kraftwerk Kupferdreh hatte durch seine Lage auf dem Gelände der Zeche Adler keine Schwierigkeiten mit der Brennstoffversorgung. Davon profitierte auch das Elberfelder Kraftwerk der neuen BEV. Die BEV versorgte Elberfeld und Vohwinkel, aber über das Kraftwerk Kupferdreh auch das nördliche Hinterland Elberfelds bis in den Essener Süden.

Aufgrund des Stromangebots stieg auch die Nachfrage. Nicht nur im Gewerbe wurde Elektrizität zunehmend als Kraftquelle genutzt, auch in den Haushalten hielten mehr und mehr elektrische Geräte Einzug. Die Kraftwerkstechnik wurde fortwährend dem steigenden Verbrauch angepasst. Die Anlage an der Kabelstraße hatte 1925 eine elektrische Leistung von 10.000 Kilowatt. Seit 1927 hatte das Kraftwerk ein zweites wirtschaftliches Standbein. Es produzierte neben Strom auch Wärme.

High-Tech anno 1900: Mit der Parsons-Turbine besaß Elberfeld eins der modernsten Kraftwerke auf dem europäischen Kontinent. FOTO: WSW

Trotz Kohlefeuerung konnte dadurch eine Verbesserung der Luftqualität im Wuppertal bewirkt werden, denn die Wärmelieferung aus dem Heizkraftwerk ersetzte abertausende Hausbrandöfen, die ohne Filter mit Holz oder Briketts betrieben wurden. Die Haupt-Dampfleitungen des ständig wachsenden Fernwärmenetzes wurden entlang des Wupperufers gelegt.

Der zweite Weltkrieg hatte das Kraftwerk Elberfeld weitgehend verschont. Wie schon nach 1918 bestand das größte Problem darin, Kohle zu beschaffen, insbesondere im Hungerwinter 1946/47. 1948 wurde unter dem damaligen Wuppertaler Oberbürgermeister Robert Daum die Wuppertaler Stadtwerke AG als hundertprozentige Tochtergesellschaft der Stadt Wuppertal gegründet.

Zentrale Leistungen der Daseinsvorsorge in Versorgung und Verkehr wurden damit rekommunalisiert. Nach der Währungsreform setzte in der zerstörten Großstadt der Aufschwung ein. Allerdings gab es auch 1949 wöchentlich noch einen "Stromsperrtag". Erst in den 50-er Jahren wurde die unterbrechungsfreie Stromversorgung wieder hergestellt.

Bereits in den 30er Jahren hatte es Überlegungen gegeben, das Kraftwerk neu zu bauen. Der Krieg verhinderte jedoch dieses Vorhaben. Der Fortschrittsglaube der 1960er Jahre sah einen Neubau auf alten Fundamenten vor. Nachdem sich der städtische Stromverbrauch zwischen 1946 und 1955 mehr als verdreifacht hatte, ging man davon aus, dass sich in Zukunft der Stromverbrauch alle zehn Jahre verdoppeln würde. Energieeffizienz stand noch nicht im Vordergrund. Der nüchterne Entwurf eines Industriekraftwerks von AEG aus dem Jahr 1960 wurde weitgehend umgesetzt, nur die Nord-Fassade des alten Maschinenhauses mit ihren drei überdimensionierten Rundbogenfenstern blieb vom Vorgängerbau erhalten.

Landmarke am Westende: Der 198 Meter hohe Schornstein ist das sichtbare Zeichen der 1989 abgeschlossenen Kraftwerks-Modernisierung. FOTO: WSW

In den 60er Jahren war auch in Wuppertal die Nachfrage nach Energie ungebrochen. Ein Problem stellte jedoch die teure deutsche Kraftwerkskohle dar. Um günstige Energiepreise zu sichern, setzten die WSW auf eine Doppelstrategie. Zum einen gab es 1968 einen Stromliefervertrag mit den Vereinigten Elektrizitätswerken Westfalen (VEW) über eine Laufzeit von 20 Jahren. Zum anderen rüstete man das Kraftwerk Elberfeld zwischen 1969 und 1971 sukzessive um – auf Erdgas. Die Möglichkeit, mit Kohle zu feuern, blieb jedoch erhalten. Die Erdgasfeuerung blieb jedoch Episode und das hatte politische Gründe.

Die Nutzung des günstigeren fossilen Brennstoffs gefährdete die Arbeitsplätze der Kumpel im Ruhrgebiet. Die sozial-liberale Koalition unter Helmut Schmidt verabschiedete daher das Verstromungsgesetz zur Sicherung des deutschen Steinkohlebergbaus. An den Kosten wurden die Verbraucher beteiligt. Sie zahlten ab 1974 einen "Kohlepfennig", um den Bergbau zu subventionieren. Die Ölkrisen 1973 und 1979 schienen der Politik Recht zu geben. Kohle und Kernenergie sollten die beiden Hauptstandbeine der Energieversorgung werden und die Unabhängigkeit vom Erdöl sichern.

1980 schlossen Stromerzeuger und Steinkohlebergbau den sogenannten "Jahrhundertvertrag", der bis 1995 die Verbrennung deutscher Kohle in den Kraftwerken der Energieversorger sicherstellte. Dies hatte unmittelbare Auswirkungen auf das Heizkraftwerk Elberfeld. Die WSW hatten sich verpflichtet, weit über 100.000 Tonnen deutscher Steinkohle jährlich zu verstromen. Das sollte vornehmlich in Elberfeld geschehen. Bereits 1982 hatte man aus Umweltgründen Elektrofilter und Schornstein erneuert. Im Frühjahr 1985 fiel die Entscheidung, das Kraftwerk von Grund auf neu zu konstruieren.

Bei der Umstellung auf Kohle sollte eine neue und damals noch relativ unerprobte Technik zum Einsatz kommen: die zirkulierende Wirbelschichtfeuerung. Dabei werden Kohle und Quarzsand in der Brennkammer durch Luftzufuhr in der Schwebe gehalten. Die starke turbulente Strömung bewirkt einen sehr guten Wärmeaustausch und die Temperatur kann so eingestellt werden, dass die Bildung schädlicher Gase möglichst gering ist.

Als weithin sichtbares Zeichen der Modernisierung errichteten die WSW mit dem neuen 198 Meter hohen Kraftwerksschornstein Wuppertals höchstes Bauwerk. Die Investitionssumme wurde auf 254 Millionen DM veranschlagt. Die Bau- und Planungszeit betrug rund vier Jahre. 1989 ging die neue Anlage in Betrieb.

Die Erzeugungsleistung der Turbinen im HKW Elberfeld betrug zuletzt 70 Megawatt für Strom und 198 Megawatt für Fernwärme.

Die Rundschau-Radrunde