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Schuld sind die anderen?!

Betr.: Antisemitismus, Rundschau-Interview vom 3. November

Es ist erschreckend, dass im Jahr 2018 in Deutschland das Thema Antisemitismus immer noch und immer wieder Thema ist. Und ich begrüße es sehr, dass die Rundschau im Vorfeld des 80. Jahrestages der Pogromnacht das Thema aufgreift und auf die gute Arbeit der Begegnungsstätte hinweist.

Doch schon die Kopfzeile auf der Titelseite, die auf das Interview auf Seite 4 hinweist, hat mich mehr als irritiert: "Antisemitismus gibt es immer noch". Hier wird so getan, als sei dies eine erwähnenswerte Neuigkeit.

Das ist blanker Hohn angesichts der vielen Angriffe gegen jüdische Mitbürgerinnen und Mitbürger und Einrichtungen durchgehend auch nach 1945.

Auch die ständig wiederkehrenden Entgleisungen mit antisemitischen Formulierungen in politischen Debatten zeigen, wie wenig wir auch in Deutschland trotz aller Erinnerungskultur jahrhundertealte Stereotypen und Feindbilder über das Judentum aufgearbeitet haben.

Wenn dann auch noch die Aussagen von Frau Schrader über aktuelle Beispiele für antisemitisches Verhalten reduziert werden auf "Ich registriere, ... wie sich meist muslimische Jugendliche in diese Richtung äußern", dann passiert wieder genau das, was die Arbeit gegen Antisemitismus so schwierig macht. Wir tun alle so, als hätten wir selber damit nichts zu tun.

Damit werden die uralten Vorurteile und Feindbilder, die wir alle nach wie vor in unseren Köpfen haben, bewusst oder unbewusst weitertransportiert.

Und Schuld an Problemen sind wieder die anderen.

Karen Heitkamp, Schulpfarrerin

(Rundschau Verlagsgesellschaft)
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