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Ratlos zurückgelassen

Betr.: Springmann-Prozess, Rundschau-Chronologie vom 17. November

Ihre Zusammenfassung habe ich mit großem Interesse gelesen. Ich unterstütze diese Form der Wertung einer Chronologie eines Geschehens, das über Wuppertal hinaus öffentliches Interesse gefunden hat.

Amerikanische Beobachter sind nicht davon abzubringen, dass der Täter/die Täter im Familienumfeld zu finden sind, dabei Werkzeug oder Initiatoren gewesen sind, aus welchen persönlichen Motiven heraus auch immer. Die Gutachten zu den Persönlichkeitsstrukturen muten mehr als befremdlich an. Wer will sich schon auf ein Gutachten verlässlich einlassen, wenn Gutachter sich untereinander noch nicht einmal einig sind – siehe Prozess Zschäpe.

Ich erwarte, dass dieser Fall noch nicht abgeschlossen ist, weil jeder Beobachter mit diesem Urteil ratlos zurückgelassen wird, weil von anderen Wahrnehmungen getragen.

Hochinteressant wäre, wie Ferdinand von Schirach diese "Schuld" verarbeiten würde. Urteilsbegründungen können so differenziert ausfallen, wie der Stoff "Terror" in seinen beiden möglichen Prozess- und Schuldbewertungen überzeugend dokumentiert.

Als zeitweilige Prozessbeobachterin halte ich das Urteil für nicht gerecht. Nicht nur, dass im Prozess häufig die falschen Fragen gestellt wurden, drängte sich nicht selten der Eindruck auf, dass sachliche Professionalität nicht zwingend im Vordergrund stand. Das Geschehen verlief sich oftmals in unwesentlichen Dingen oder Kräftemessen der Beteiligten. Die Abläufe liefen nicht selten völlig aus dem Ruder.

Der eine rehabilitiert, der andere allein schuldig? Dieser Urteilsspruch ist zu einfach – dafür hätte man keine 42 Verhandlungstage benötigt.

W. Brigitte Smolka-Bormann

(Rundschau Verlagsgesellschaft)
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