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Oper
Was für ein verrückter Zirkus

Oper: Was für ein verrückter Zirkus
Dem Prinzen (unter der Tüte: Sangmin Jeon) geht’s schlecht, Krankenschwester Smeraldina (Nina Koufochristou) hat Böses im Sinn, der König (Sebastian Campione, links) und der Zeremonienmeister (Marco Agostini) sorgen sich um die Thronfolge. FOTO: Uwe Stratmann
In der Premiere der "Liebe zu den drei Orangen" glänzt die Oper mit einer tollen Ensembleleistung Von Stefan Schmöe

Psychologischen Tiefgang hatte Sergej Prokofjew nicht im Sinn, als er 1919 das gleichnamige Märchen aus dem 18. Jahrhundert in der Tradition der Commedia dell‘Arte vertonte. Mit typisierenden Figurenzeichnungen und schnellen Szenenwechseln komponierte er gegen das Pathos der spätromantischen Oper an, und das ausgesprochen brillant.

Das Wuppertaler Sinfonieorchester zeichnet diese vielfarbige Musik plastisch nach, mit Kraft und Schwung, aber nicht lärmend. Dirigent Johannes Pell, seit Beginn der Spielzeit erster Kapellmeister am Haus, hat das nötige Gespür, die oft kleinteilige Musik im großen Bogen zusammenzuhalten. Auf der orchestralen Ebene kann sich das unbedingt hören lassen. Wie aber steht's um die Familientauglichkeit dieser etwas wirren Märchenoper?

Ein vom neu verpflichteten "hauseigenen" Tenor Sangmin Jeon ganz wunderbar gespielter und gesungener Prinz wird mehr zufällig aus seiner Melancholie gerissen, an der er nach Willen seiner Gegenspieler eigentlich sterben soll – und prompt trifft ihn der Fluch der bösen Fata Morgana, sich in drei Orangen zu verlieben. Die entpuppen sich als hübsche Prinzessinnen, von denen er eine schließlich heiratet, aber das ist eine arg komprimierte Zusammenfassung der Handlung. Regisseur Sebastian Welker und sein Team (Bühne: Rifail Ajdarpasic, Kostüme: Doey Lüthi) siedeln die Geschichte mit einigen Freiheiten im Zirkusmilieu an, was die ohnehin unübersichtliche Handlung noch weiter kompliziert. Statt Märchenfiguren erlebt man Intrigen unter Artisten und Künstler, die einem aber mindestens genauso fern bleiben wie Zauberer und Könige. Einen erkennbaren Gewinn bringt die Umdeutung nicht, zumal mancher Seitenhieb auf die Welt von Smartphone und Facebook verpufft. Dank der flotten und temporeichen Personenregie ist das einigermaßen unterhaltsam, macht aber auch die Schwäche der Oper deutlich, sich revuehaft ohne große Höhepunkte zu verzetteln. Die Altersempfehlung "ab 10 Jahre" ist da ziemlich mutig, auch wenn auf der Bühne ständig etwas passiert.

Sängerisch behaupten sich die neuen Ensemblemitglieder neben dem schon genannten herausragenden Jeon ordentlich: Bassist Sebastian Campione als König und mordlustige Köchin, Tenor Mark Bowman-Hester als Narr Truffaldino, Mezzosopranistin Catriona Morison und Bariton Simon Stricker als Intrigantenpaar Clarice und Leander und Sopranistin Ralitsa Ralinova als Prinzessin Ninetta aus der der Orange. Unter den Gästen ragt Lucia Lucas, die Frau mit der Baritonstimme (die schon die Bösewichte in "Hoffmanns Erzählungen" gesungen hatte) als Zauberer Tschelio heraus. Marco Agostini aus dem Opernchor gibt einen eloquenten Zeremonienmeister. Und überhaupt haben Chor und Extrachor (Chorleiter Markus Baisch hat auch einen kleinen Bühnenauftritt) viel zu tun, um diverse Zuschauergruppen zu verkörpern, die das Geschehen permanent kommentieren: Die einen wollen Tragödie, die andern Schwank, die dritten mehr Tiefgang und so weiter. Da wird blendend gesunden und gespielt (Choreographie: Amy Share-Kissiov).

Und das ist ein wesentlicher Grund, warum Intendant Berthold Schneider die "Die Liebe zu den drei Orangen" auf den Spielplan gesetzt hat: Die Oper ist ein tolles Ensemblestück, das hier mit viel Spielwitz umgesetzt wird.