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Neue Führung fürs Tanztheater
„Mit Spaß, Freude und Kreativität“

Neue Führung fürs Tanztheater: „Mit Spaß, Freude und Kreativität“
Der Belgier Roger Christmann und die Münchnerin Bettina Wagner-Bergelt leiteb 1. Januar 2019 das Wuppertaler Tanztheater. FOTO: Karl-Heinz Krauskopf
Wuppertal. So unvermittelt im Sommer die fristlose Kündigung der Intendantin des Wuppertaler Tanztheaters, Adolphe Binder, bekannt wurde, so plötzlich präsentierte die Stadtspitze am Dienstag das neue Führungs-Duo. Ab Januar 2019 und befristet für zwei Jahre sollen Bettina Wagner-Bergelt (60) und Roger Christmann (47) die Geschicke des renommierten Tanztheaters leiten. Von Nicole Bolz

Vorausgegangen war dem eine Sitzung des Beirats des Tanztheaters am Montag, bei der beide den Mitgliedern als Interimslösung präsentiert wurden, ein Treffen mit der Compagnie am Dienstagmittag sowie die einstimmige Zustimmung des Finanzausschusses am Dienstagnachmittag. Nichts sollte diesmal schief gehen und vor dem Vollzug an die Öffentlichkeit dringen. Das klappte und so saßen mit Oberbürgermeister Andreas Mucke (SPD), Kulturdezernent Matthias Nocke (CDU) und Stadtdirektor Johannes Slawig (CDU) drei sichtlich erleichterte Männer und mit der Beiratsvorsitzenden Ursula Schulz (SPD) eine nachdenklich gestimmte Frau der Presse gegenüber.

"Viel Glück" wünschte Mucke dem Duo – und das können die beiden "ausgewiesenen Experten" (O-Ton Nocke) auch gebrauchen. Denn so groß die Erwartungshaltung der Stadt als alleinige Gesellschafterin daran ist, dass Wagner-Bergelt und Christmann das Tanztheater wieder in ruhigeres Fahrwasser bringen und "zukunftsfest" aufstellen, so kompliziert ist die Gemengelage zwischen Tanztheater, Bausch Foundation und Tanzzentrum sowie innerhalb der Compagnie. Das erste Aufeinandertreffen mit der Compagnie am Mittag in der Lichtburg belegte das.

Gar nicht so reibungslos und harmonisch soll es da zugegangen sein, wie die Verwaltungsspitze dies fröhlich berichtete. Zu tief sitzt bei vielen noch immer das Misstrauen nach den undurchsichtigen Vorgängen um die fristlose Kündigung der Intendantin Adolphe Binder und deren massivem Konflikt mit dem in der kommenden Woche scheidenden Geschäftsführer Dirk Hesse. Nun hatte man sie erneut vor vollendete Tatsachen gestellt, statt sie wie angekündigt transparent in Entscheidungsprozesse miteinzubeziehen.

Doch Bettina Wagner-Bergelt attestierte sich selbst "genügend Fingerspitzengefühl", um mit diesem verletzten Ensemble zu arbeiten. "Ich möchte dafür sorgen, dass nun wieder Ruhe reinkommt und dass man vor allem wieder mit Spaß und Freude und mit Kreativität an das neue Programm geht", kündigte die 60-Jährige an. Die langjährige stellvertretende Direktorin des Bayerischen Staatsballetts in München wird als künstlerische Leiterin gleichberechtigt mit dem kulturerfahrenen Kaufmann Roger Christmann als kaufmännischem Leiter die Führung übernehmen. Schon nächste Woche wollen beide ihre Arbeit in Wuppertal aufnehmen.

Dabei soll es zunächst darum gehen, den Spielplan ab Februar bis Ende der laufenden Saison fertigzustellen. Bis dahin folgt dieser exakt den Planungen von Adolphe Binder. Über ihre Auswahl bzw. Ausarbeitung zum zehnten Todesjahr von Pina Bausch hatte es dann plötzlich angeblich unüberwindbare Auseinandersetzungen gegeben. Ein Hauptvorwurf von Geschäftsführer Dirk Hesse und Johannes Slawig gegen Binder. Seitdem lag die Vollendung der Spielzeitplanung zwar nicht brach – das Repertoire-Team arbeitete daran – doch einen vom Beirat geforderten fertigen Spielplan legte Hesse nie vor. "Ich werde diese Planungen nun auf ihre Machbarkeiten überprüfen", sagte Wagner-Bergelt.

Was sie sonst mit dem Tanztheater vorhabe? Da blieb die Kuratorin noch etwas vage. Nicht jeder Choreograf könne vorbeikommen und ein Werk hinterlassen, sagte sie und befand, dass "das Zitieren von Kulisse" dazu nicht reiche, was wohl als Kritik an dem Stück von Dimitris Papaioannou verstanden werden kann. Vielmehr wolle sie schauen, bei welchen Choreografen das Werk von Pina Bausch Spuren hinterlassen habe und diese dann einladen. Aber sie wolle auch sehen, was es aus der Compagnie heraus für Ansätze gebe und auch langjährige Gastspielpartner nach ihren Wünschen befragen ...

Als Hauptaufgabe betrachtet die neue künstlerische Leiterin (die sich selbst nicht als Interimslösung begreift) jedoch die viel zitierte Transformation. Damit ist unter anderem gemeint, dass das Ensemble wohl einen Verjüngungsprozess erfahren soll. Man müsse genau schauen, in welchen Stücken es Sinn mache, dass ältere Tänzer auf der Bühne stehen und wo jüngere Tänzer besser passen, erklärte die 60-Jährige. Solch eine "Transmission" habe sie bereits öfter begleitet und scheidende Tänzer auf einen anderen Beruf vorbereitet.

Wagner-Bergelt ist bereits mit Teilen der Wuppertaler Compagnie vertraut. Sie hat die Übernahme der Bausch-Choreografie "Für die Kinder von gestern, heute und morgen" ans Münchner Nationaltheater initiiert und verfolgt die Arbeit des Ensembles seit Jahren.

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