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Kultur
"Manchmal genügt ein Blick. Aber der muss perfekt sein"

Kultur: "Manchmal genügt ein Blick. Aber der muss perfekt sein"
Wie Ensemblemitglied Julie Shanahan liebt sie die kleinen, ruhigen Momente, die Pina geschaffen hat. FOTO: Laszlo Szito
Wuppertal. "Ist der Rasen schön grün. Herrlich!", so dröhnte die unvergleichliche Mechthild Großmann mit ihrer abgründig tiefen Stimme in "1980 – ein Stück von Pina Bausch". Sie tat dies bereits bei der Uraufführung – und auch bis zu den letzten Aufführungen vor vier Jahren. Von Nicole Bolz

Wenn das Stück ab Freitag an sechs Abenden wieder im Opernhaus zu sehen ist, dann werden die Wuppertaler viele bekannte und neue Gesichter sehen – Mechthild Großmann aber ist nicht dabei. Sie hatte im Sommer auf eigenen Wunsch bei "Ten Chi" ihren wahrscheinlich letzten Auftritt in der legendären Tanzcompagnie. An ihrer Stelle ist jetzt die Schauspielerin Silja Bächli in "1980" zu sehen.

Bächli, 2013 von der Fachzeitschrift "Theater heute" als Schauspielerin des Jahres nominiert, spielte bereits am Staatstheater Stuttgart, in Basel, an den Münchener Kammerspielen, wie Mechthild Großmann am Schauspielhaus Bochum, außerdem regelmäßig am Schauspielhaus München. Klein, zierlich, dunkelblonde Locken – die in der Schweiz geborene Schauspielerin wirkt fast wie ein Gegenentwurf zu Großmann. 

Die Einladung zum Vorsprechen kam jedenfalls sehr überraschend für sie. "Das ist Neuland und eine Herausforderung für mich." Zwar habe die 43-Jährige vom "Tanztheater Wuppertal" gewusst, gesehen habe sie "1980" allerdings nur auf Video. Lust mitzumachen habe sie erst beim Vorsprechen bekommen, nachdem sie die Arbeit des Tanztheaters kennengelernt habe. Das Besondere an "1980" sei die Herangehensweise, so Bächli. "Obwohl es eine feste Choreografie gibt, gilt es diese Form mit der eigenen Persönlichkeit zu füllen." Julie Shanahan nickt zustimmend: "Das ist das Wunder von Pinas Arbeit, dass die Menschen etwas von sich darin erkennen." 

Die Schauspielerin Silja Bächli steht zum ersten Mal mit dem Tanztheater Pina Bausch auf der Bühne. FOTO: Laszlo Szito

Am deutlichsten sei dies in den kleinen Gesten. "Es gibt zum Beispiel einen kleinen Moment in ,1980', wo Eddie Martinez sich nur kurz umdreht und zurückblickt", versucht Silja Bächli das Besondere zu greifen. "Ich kann nicht beschreiben warum, aber es berührt mich jedes Mal. Diese Konzentration und Genauigkeit und bis ins kleinste Detail fasziniert mich sehr." Diese kleinen Gesten, sie seien das Genie von Pina, meint Shanahan. "Manchmal genügt ein einziger Blick, aber der muss perfekt sein. Das ist viel schwerer als es aussieht."

Dass eine einzelne kleine Geste eine so große Wirkung erzeugt, das habe, so die Australierin, die derzeit gemeinsam mit Dominique Mercy und Ruth Amarante die Proben leitet, auch mit dem Gefühl von Zeit zu tun. "Nimm dir Zeit" – das hat Pina immer gesagt. Dann offenbaren sich so viele Ebenen." Es sei ein Unterschied, ob man einen Vorgang schnell und hektisch erledige oder sich viel Zeit dafür nehme. Und das übertrage sich auch auf die Zuschauer, denen Pina damit einen kostbaren Moment schenke. 

Für die 2009 verstorbene Pina Bausch war "1980" eine ihrer wichtigsten Choreografien. In dem Entstehungsjahr starb ihr Lebenspartner, der Bühnen- und Kostümbildner Rolf Borzik, der ihre Werke bis dahin stark beeinflusst hatte. Bausch stürzte sich in Arbeit und schuf "1980", ein Werk, das Trauer und Abschied genauso thematisiert wie die Sehnsucht nach der Unbeschwertheit der Kindheit und dabei teils hinreißend komisch wirkt. Für "1980" schuf erstmals Peter Pabst ein Bühnenbild für das Tanztheater Wuppertal. Er ließ die Bühne bis auf die Brandmauern offen und nackt, den Boden bedeckt eine frische Wiese, auf der ein einsames Reh steht. Tanz spielt in diesem Werk eine untergeordnete Rolle.

Wie aber lässt sich eigentlich diese unvergleichliche Handschrift Pina Bauschs acht Jahre nach ihrem Tod weitergeben – in einer Inszenierung, in der viele neue Tänzer auf der Bühne stehen? "Durch das Gedächtnis des Ensembles und es gab schon früh Video-Aufzeichnungen. Es gibt Pina Bauschs eigene Aufzeichnungen und die der Tänzer, die die Stücke viele Jahre getanzt haben und ihre Rollen weitergeben, das Ensemble ist mit Rollenweitergaben seit langem vertraut, das ist etwas ganz Organisches und gehört zur Kultur des Ensembles", sagt Adolphe Binder, Intendantin des Tanztheaters. "Für die Zeiten, in denen niemand mehr da ist, der mit ihr zusammengearbeitet hat, wird vorgesorgt. Das ist aber in der fernen Zukunft.

Die Pina Bausch Foundation spielt eine zentrale Rolle dabei, das Werk zu sichern. Ich finde es sehr reizvoll, dass es die einzige Tanzcompagnie der Welt ist, in der zwei, drei Generationen miteinander tanzen und sich seit 44 Jahren gegenseitig inspirieren. 

Der frenetisch gefeierte Tourauftakt in New York / Nordamerika – 26.000 Zuschauer in 12 Tagen – er hat Adolphe Binder sehr beeindruckt und sie im Eindruck des Weltranges der Compagnie bestätigt. Auch da gab es viele Neue und diverse Besetzungen. "Das bringt eine schöne Energie des Zusammenseins, statt des Wettbewerbs. Wir waren ein New Yorker Ereignis. Die Stadt hat über uns gesprochen. Ich habe das noch nirgendwo so erlebt." Jetzt aber sind sie wieder in ihrer "Homebase Wuppertal". Und auch das sei gut und wichtig. "Wir wollen uns enger mit der Stadt verbinden, gemeinsam mit neuen Augen sehen lernen und das Unbekannte mit offenem Herzen begrüßen."

"1980 – Ein Stück von Pina Bausch" am 10., 11., 17. und 18. November, jeweils um 19.30 Uhr sowie am 12. und 19. November um 18 Uhr im Opernhaus. Ob es noch Restkarten gibt, erfahren Sie bei der KulturKarte unter Telefon 563-76 66.