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Mama, Mond, Mord und Mitte

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Sieben Bücher, sieben eigene Welten: Michael Malicke, Wolf Christian von Wedel Parlow, Angelika Zöllner, Sybil Quinke, Arne Ulbricht, Susanne Abbrederis und Cordula Fink-Schürmann als Herausgeberinnen sowie Salean A. Maiwald freuen sich über möglichst viele Leser. FOTO: Rundschau
Wuppertal . Wenn Weihnachten naht, rauscht es gewaltig im Bücher-Blätterwald. Hier sind sieben völlig unterschiedliche Neuerscheinungen von Wuppertaler Autoren. Von Stefan Seitz

Arne Ulbricht, der Lehrer, der sich "entamten" ließ, ist mal wieder in aller Munde: Sein neuestes (Sach-)Buch "Mama ist auf Dienstreise" trägt den Untertitel "Wenn Eltern die Rollen tauschen" – und ist gerade deshalb "heißer" Stoff. Was allenthalben als vorbildlich gepredigt wird, aber es in Wirklichkeit kaum je gibt, dass nämlich die Frau das Geld verdient und der Mann mit den Kindern zu Hause bleibt, das läuft im Hause Ulbricht. Und zwar schon lang. Wenn man mal davon absieht, dass Ulbricht auf den fast 160 Seiten seines Buches viel zu viele Klammersätze verwendet, ist das Ganze spannend geschrieben, sehr persönlich, sehr ehrlich (auch Frau und Kinder kommen zu Wort) und programmatisch-mitteilsam gemacht. Der hier geschilderte Rollentausch ist ein besonderer – und könnte doch Vorbildcharakter haben. Viel Diskussionsstoff. Vandenhoeck & Ruprecht, 15 Euro.

Sehr persönlich ist auch Angelika Zöllners Text "Freitags gehe ich zu ihr". Auf rund 190 Seiten geht es um die Besuche der Autorin bei einer bettlägerigen Seniorin, die sich über Jahre hinziehen. Überaus liebevoll schildert Angelika Zöllner diese Auf-und-ab-Zeit, die von manchen (kleinen) Rückschlägen und vielen schönen, ja sogar zauberhaften Momenten geprägt ist. Zu oft verwendet sie Doppelwörter wie "Langjahre", "Winzigblümchen" oder "Fühlfinger" – darüber hinaus ist Angelika Zöllners Sprache angenehm still und zurückhaltend. Ein nachdenkliches Plädoyer für Zuwendung, Zuhören, Erinnerung, stechuhrbefreite Pflege – und, auch wenn es seltsam klingt, eine schöne Schilderung des Weges zu einem friedlich einschlafenden Tod. Beggerow-Verlag, 11,90 Euro.

Das Erinnern hat Wolf Christian von Wedel Parlow in Sachen seiner Familiengeschichte unter dem Titel "Ostelbischer Adel im Nationalsozialismus" auf 200 wissenschaftlich strukturierten Seiten zum Thema gemacht. Auf den Spuren der eigenen Familie fragt Wolf Wedel nach den Gründen der Annäherung an die Nazis, lenkt den Scheinwerfer auf die unterschiedlichsten Personen, liefert einen umfangreichen Anmerkungsapparat sowie 17 Abbildungen – und ist so ehrlich, schon gleich zu Anfang einzuräumen, dass es eine "Mischung aus Scham und Trotz" war, die am Beginn der Familienforschung stand. Sicherlich ein Special-Interest-Band, aber ein gutes Beispiel dafür, wie wichtig (Familien-)Erinnerungsarbeit sein kann. Vandenhoeck & Ruprecht, 35 Euro.

Apropos wichtig: Wichtig ist für Kinder und Jugendliche, sich selbst entfalten zu können. In "Schwebebahn zum Mond" von Salean A. Maiwald geht es um die junge Tamara, die im Wuppertal der 60er Jahre gerade damit große Schwierigkeiten hat. Zwischen dem Muff der Nachkriegszeit, den Problemen mit ihrer alleinerziehenden Mutter, dem Wunsch nach einer höheren Schule, den Belästigungen eines pädophilen Nachbarn sowie der ersten Liebe wird das Mädchen beinahe zerrieben. Abendliche (Flucht-)Fahrten mit der Schwebebahn sind oft ihr einziger Ausweg. Als alles in Trümmer zu gehen scheint, bricht Tamara aus: Danach ist nichts mehr wie zuvor. Eindringlicher, einfühlsamer, sehr gut geschriebener Text, der Angst macht, es könne gar kein Happy End mehr geben. Und dann wird doch alles gut. Konkursbuch-Verlag, 12,90 Euro.

Sehr eindringlich präsentiert sich die Textsammlung "In unserer Mitte. Gespräche mit syrischen Geflüchteten". Ex-Theater-Intendantin Susanne Abbrederis und Cordula Fink-Schürmann haben als Herausgeberinnen auf 70 Seiten der Reihe "Die besonderen Hefte" des Nordpark-Verlages versammelt, was sechs Wuppertaler Schriftsteller und ein Politiker bei ihren Gesprächen mit Syrien-Flüchtlingen notiert, verarbeitet, interpretiert haben. Tiefe Einblicke, kleine Streiflichter, erstaunliche Erkenntnisse und bittere Erinnerungen bringt dieses Bändchen, das im Zusammenhang mit einem Projekt der Wuppertaler Bühnen entstand. Unverzichtbar für alle, die flacher Flüchtlingsfeindlichkeit wirklich Menschliches entgegensetzen möchten. Nordpark-Verlag, 6,50 Euro.

Menschlich sind natürlich auch bestimmte Animositäten. Im schlimmsten Fall führen sie zum Tod. In Buchform nennt man das Krimi. Sybil Quinke hat mit "Der Tod im Flakon" gerade wieder einen ihrer Lokal-Thriller am Start. Es geht um eine Parfümfirma-Chefin vom Toelleturm, der die Präsentation ihres neuen Duftes misslingt – und deren Liebhaber tot im Bett des Villen-Erdgeschosses liegt. Sybil Quinke baut ein durchaus rasantes Geschehen um ihre Hauptfiguren herum: Menschliche Abgründe, wirtschaftliche Abstürze, jede Menge Wissen übers Duftgewerbe und die Frage, wie tödlich ein Kugelfisch-Diner ist – das alles steckt hier drin. Schade: Teilweise allzu geschraubte Gesprächsformulierungen ("ich würde das ästimieren") und ein ganz plötzlicher (pflanzlicher) Aufklärungserfolg bremsen das Tempo des Textes sehr. Edition Oberkassel, 12 Euro.

Krimimäßig klingt der Titel "Dunkle Geschichten aus Wuppertal" von Michael Malicke. Der altgediente Stadtkenner hat Schönes und Schauriges auf 80 Seiten zusammengestellt: Der teilweise verwirrend-verworren wirkende Bogen spannt sich von der Gaslaternen-Zeit über nächtliche Stadtmarketing-Kneipenbummel, Nazizeit, Bombennächte, Kolk-Kirchenbrände, den "Todesengel" Michaela Röder, die Befreiung des "Erzengels" aus dem alten Bendahl-Knast bis hin zu Nahverkehrsnostalgie, Parkuhren, die noch Münzen schluckten, oder einen 1959er Teer-und-Federn-Angriff auf Henry Moores Skulptur "Die Sitzende". Irgendwie ein verrücktes Wuppertal-Büchlein – bunt und bunt durcheinander gewürfelt. Wie diese Stadt. Wartberg-Verlag, 11,90 Euro.