| 11.14 Uhr

Tanztheater Pina Bausch
Jeder tanzt für sich allein

Tanztheater Pina Bausch: Jeder tanzt für sich allein
Hier geht’s um Körperpflege und sauberes Geschirr – oder doch viel mehr um den Charme von Ophelia Young? FOTO: MEYER Originals
Wuppertal. Die Neueinstudierung von Pina Bauschs  "Masurca Fogo" balanciert zwischen energischer Heiterkeit und sanfter Melancholie. Von Stefan Schmöe

Was für ein Auftakt: Über die Felsformation, die sich wie ein erkalteter Lavastrom auf die Bühne ergießt (Bühnenbild: Peter Pabst), stürzt Rainer Behr nach vorne und tanzt ein Solo, das von mitreißender Kraft nur so sprüht. Das Publikum wird geradezu hineingerissen in dieses Stück Tanztheater, in dem sich die Akzente vom Theater zum Tanz hin verschoben haben.

Es gibt sie noch, die kleinen Sprechszenen (wunderbar, wenn Nazareth Panadero erzählt, wie die Männer ihr als junges Mädchen hinterhergeseufzt haben, und die Situation prompt mit viel Ironie nachgestellt wird). Aber sie haben gegenüber den früheren Stücken Pina Bauschs an Bedeutung verloren, auch an Bitterkeit. Nicht zuletzt weil diese Szenen nicht mehr so stark auf die Individualität der Darsteller ausgerichtet sind, erweist sich "Masurca Fogo" auch 20 Jahre nach der Uraufführung in (teilweise) neuer Besetzung als ausgesprochen vital.

Viel Tanz also. Wobei jeder für sich allein tanzt, meistens jedenfalls. In vielen hinreißenden Solonummern, die den Abend prägen, beeindrucken Tänzerinnen und Tänzer mit raumgreifenden Bewegungen und mancher beinahe akrobatische Einlage. In starkem Kontrast dazu stehen die wenigen Momente, in denen sich Paare tanzend zusammenfinden. Es gibt eine der großen Pina-Bausch-Linien diagonal über die Bühne, paarweise, mit minimalistischen Tanzbewegungen (niemand kann das so schön pointiert mit leicht überzogener Grazie zeigen wie Julie Shanahan), als lähme die Konvention die Paare.

Überhaupt kommt man kaum zusammen, obwohl die Choreographie oft ausgesprochen erotisch aufgeladen ist. Aber man küsst aneinander vorbei, und die zum Kuss dargebotene Hand wird dem kussbereiten Herren im letzten Moment nonchalant entzogen – eine dieser wunderbaren kleinen Gesten, die Bausch-Tanzabende so unverwechselbar machen.

Entstanden ist "Masurca Fogo" 1998 in Portugal. In der Musik schlägt sich das nieder, die immer wieder portugiesische Chansons aufgreift (aber auch die Düsseldorfer Kultband "Kraftwerk" – mit dem Song "Das Model" in einer Version für Streichquartett). Die Assoziationen reichen über den Atlantik hinaus bis nach Brasilien. Der Ozean selbst ist präsent in einer der bühnenfüllenden und erdrückenden Videoprojektionen, in denen die Tänzerinnen und Tänzer leider klein und nebensächlich erscheinen – da mögen Choreographin und Ausstatterteam vor 20 Jahren auch ein wenig den seinerzeit neuen technischen Möglichkeiten erlegen sein.

Bewundernswert ist die Balance zwischen Heiterkeit und einer leisen Melancholie, die bei aller Energie über dem Stück liegt. Allein am Ende lässt der Spannungsbogen ein wenig nach, weil allzu zu früh die reprisenhaften Wiederholungen einzelner Szenen einsetzen und das Finale andeuten, das dann doch länger als erwartet auf sich warten lässt. Ein paar Besucher im ausverkauften Opernhaus verließen die Vorstellung dann auch vor dem Ende des fast dreistündigen Abends, von den übrigen gab es frenetischen Beifall.

Ein letztes Durchatmen vor dem Neustart des Tanztheaters? Die nächste Produktion wird im Mai die erste abendfüllende Uraufführung des Ensembles nach dem Tod von Pina Bausch sein – und ein Fingerzeig, welche künstlerische Ausrichtung das Tanztheater Wuppertal neben der Repertoirepflege mit Stücken wie "Masurca Fogo" nehmen wird.

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