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Zuletzt gelesen: Die Rundschau-Buchkritiken
Ein bitteres Protokoll - und Dinge, die Geschichte(n) erzählen

Zuletzt gelesen: Die Rundschau-Buchkritiken: Ein bitteres Protokoll - und Dinge, die Geschichte(n) erzählen
„Der Wuppertaler Auschwitz-Prozess. Ausgewählte Mitschriften“ von Birgit Ohlsen ist im Wuppertaler Nordpark-Verlag erschienen. Das Buch kostet zwölf Euro. FOTO: Nordpark-Verlag
Wuppertal . "Der Wuppertaler Auschwitz-Prozess. Ausgewählte Mitschriften" (Nordpark-Verlag, zwölf Euro) und "Fundstücke aus dem Dritten Reich" von Ulrike Schrader (Alte Synagoge, 14,80 Euro). Von Stefan Seitz

Es ist lang her. Und doch wieder gar nicht. Von Oktober 1986 bis Januar 1988 stand der gebürtige Solinger SS-Mann Gottfried Weise vor dem Wuppertaler Landgericht. Angeklagt war er wegen einer Reihe von Morden, die er 1944 als Mitglied der Aufsehermannschaft in Auschwitz an Lagerhäftlingen begangen hatte. Beim Prozess war Weise 65, zur Waffen-SS ging er schon als 19-Jähriger. Während des Prozesses sagte Weise kein Wort. Die Germanistin und Autorin Birgit Ohlsen hat das Verfahren begleitet – und jetzt im Wuppertaler Nordpark-Verlag (zwölf Euro) einen Teil ihrer Mitschriften auf 140 Seiten veröffentlicht.

Zwölf Zeugen – neun Opfer, drei SS-Männer – kommen "zu Wort". Birgit Ohlsen, die ihrem Buch eindringliche Beschreibungen zweier Fahrten nach Auschwitz in den Jahren 1985 und 1989 anstelle von Vor- oder Nachwort mitgibt, hat nicht nur die Vernehmungen protokolliert. Sie hat, und das macht das Besondere dieses Buches aus, Gesichtsregungen und Körperreaktionen (vor allem des Angeklagten) beobachtet und aufgeschrieben: Das sind stets nur ganz kurze, in Klammern gesetzte Bemerkungen. Und doch sind gerade sie das, was diesen Text unmittelbar ins Herz des Lesers eindringen lässt. Fast eher noch als die detaillierten Schilderungen der Misshandlungen und grausamen Tötungen – etwa durch das Herunterschießen von Konservendosen vom Kopf eines kleinen Jungen.

Birgit Ohlsen hat die Zeugen, deren Aussagen nachzulesen sind, wohl gewählt: Manche können sich gut, andere nur noch teilweise entsinnen. Worum es vor Gericht geht, ist lang her. Viele Jahrzehnte. Und es wird schnell spürbar: Die Opfer, wenn sie Erinnerungslücken haben, quälen sich damit. Die SS-Männer bringen immer wieder Versatzstücke: "Weiß ich nicht." "Ich erinnere mich nicht." "Mir ist nichts bekannt." "Ist nicht vorgekommen." Von den Wortbeiträgen der Opfer mögen hier nur einige beispielhaft stehen. Zeugin 5: "Das Kind kam zurück und dachte, jetzt gäbe es etwas zu essen. Da hat er es mit der Pistole erschossen, und als es tot war, gab er ihm noch einen Fußtritt."  Staatsanwalt: "Wurden Häftlinge erschossen?" Zeugin 6: "Das geschah ja jeden Tag. Man hat sich daran gewöhnt." Richter: "Gab es einen SS-Mann, der sich menschlich verhalten hat?". Zeugin 7: "Mir ist keiner begegnet." Schlucken lässt den Leser auch ein Satz von Zeuge Nr. 4, der das Thema "deutsche Bereitschaft zur Vergangenheitsbewältigung" brutal auf den Punkt bringt: "Hier gibt es doch niemanden, der sich dafür interessierte."

In diesem Buch gibt es keine Bilder. Keines vom KZ, keines von Opfern, keines vom Angeklagten. Und doch ist Birgit Ohlsens Protokoll voller Bilder. Bilder, die nur aus Sätzen wachsen. Und dann nicht mehr aus dem Kopf wollen. Etwa, wenn sie Weises Reaktionen beschreibt: "Der Angeklagte in seiner Bank amüsiert sich und grinst." "Der Zeuge sucht unvermittelt Blickkontakt zum Angeklagten. Der sieht spontan weg." "Der Angeklagte grinst, hebt die Hände gespielt ratlos, schweigt." Grässlich wird der Kontrast etwa hier – Richter: "Erkennen Sie ihn?" Zeugin 5: "Ja, dort. Immer lächelt er, und jetzt lächelt er auch." Der Mann, von dem da Rede ist, hat in Auschwitz Kindern in "Wilhelm-Tell-Manier" Konservendosen von Kopf und Schultern geschossen – und sie dann mit gezielten Schüssen ins Gesicht umgebracht.

"Der Wuppertaler Auschwitz-Prozess" von Birgit Ohlsen ist ein bitteres Protokoll. Weil hier nur steht, was vor Gericht wirklich gesagt wurde, ist es teilweise kaum erträglich beim Lesen. Unerträglich – das gilt auch für Weises weitere Geschichte: Zu Lebenslang wegen fünffachen Mordes verurteilt, legt der Ex-SS-Mann Revision ein, kommt gegen 300.000 Mark Kaution frei, flieht in die Schweiz, lebt dort unter falschem Namen, wird vom BKA entdeckt, muss nach Bochum ins Gefängnis. Nach nur sieben Jahren wird seine dortige Strafe 1997 von NRW-Justizminister Kniola (SPD) ausgesetzt, und Ministerpräsident Johannes Rau spricht eine "Haftverschonung auf dem Gnadenweg" aus. Weise ist 2002 gestorben.

Dieses Buch leistet sehr viel. Obwohl es kaum etwas anderes tut, als "nur" zu dokumentieren. Etwa auch die Rolle des unsäglichen, lange in Wuppertal beheimateten Vereins "Stille Hilfe", der zahlreiche SS-Täter betreute, ihnen beim Untertauchen half – und noch viele Jahrzehnte nach dem Krieg als gemeinnützig anerkannt war.

„Fundstücke aus dem Dritten Reich. Rekonstruktionen" von Herausgeberin Ulrike Schrader ist im Verlag der Begegnungsstätte Alte Synagoge erschienen und kostet dort (beziehungsweise im Buchhandel) 14,80 Euro. FOTO: Begegnungsstätte Alte Synagoge

All das darf nicht vergessen werden. Und wird es auch nicht. Dank solcher Autoren wie Birgit Ohlsen – und auch dank Nordpark-Verleger Alfred Miersch, der dem Text die Chance der Veröffentlichung gegeben hat.

Auch zurück, aber auf andere Weise, schaut ein neues Buch aus der Begegnungsstätte Alte Synagoge: "Fundstücke aus dem Dritten Reich. Rekonstruktionen" stellt in 23 Kapiteln ausgewählte Stücke der Sammlung des jüdischen Museums innerhalb der Begegnungsstätte vor. Dieses 260-Seiten-Buch hat ein Vorbild: Neil Mac Gregor, der anhand der Sammlung "seines" Britischen Museums den sehr erfolgreichen Riesenwälzer "Eine Geschichte der Welt in 100 Objekten" geschrieben hat. Und wenn ein Vorbild wirklich gut ist, darf man sich gern davon inspirieren lassen. Alte-Synagoge-Leiterin Ulrike Schrader als Herausgeberin hat selbst und mit vielen anderen Autoren Machart, Melodie und Rhythmus von Mac Gregors Fast-Enzyklopädie aufgegriffen. Herausgekommen ist ein Band, der detailliert, kenntnisreich, lebendig und auch sehr unterhaltsam das Wuppertaler jüdische Museum sicht- und lesbar macht.

Von einem gelben Ziegelstein aus dem Trümmergrundstück der Elberfelder Synagoge bis zum geheimnisvollen Gemälde einer Frau aus dem 19. Jahrhundert spannt sich der Bogen der Fundstücke: Schritt für Schritt werden sie – optisch sehr attraktiv gemacht – für den Leser rekonstruiert, beschrieben, in ihren damaligen und heutigen Zusammenhang gestellt, ihre oft verschlungenen Wege nachvollzogen. Und die vielfach sehr persönlichen Geschichten erzählt, die mit jedem Einzelteil verbunden sind. Es geht um Dinge, die in Wuppertal als Relikte der Nazi-Zeit übrig geblieben sind, Stücke, die die Alte Synagoge als Geschenke bekommen hat – und sogar ein Objekt, das am Meeresufer angespült worden ist. "Fundstücke" lässt Menschen wieder lebendig werden, glückliche und finstere Zeiten, erzählt ganz en passant und sehr informativ über die jüdische Religionspraxis, bietet zahlreiche Illustrationen sowie viele Originalzitatblöcke.

Jeder Text in diesem Band ist ein besonderes Stück ganz für sich. Heraus ragen sicher "Das geschmolzene Weinglas", wo es um den Bombenangriff auf Wuppertal geht, "Der Zinnteller", die ganz leicht geschriebene Schilderung eines Alltagsobjektes für Kekse und Kuchen – sowie vor allem der zutiefst berührende Abschnitt "Der Ring von Jutta Lewin". Und doch wäre  es fast ungerecht, einige Texte mehr als andere zu loben: Der Band als Ganzes ist ein ausgezeichnetes Beispiel dafür, wie anhand von Dingen, die nur scheinbar lediglich Dinge sind, von einer Zeit und ihren Menschen erzählt werden kann, die viele Jahrzehnte vor und hinter die reine Phase des "Dritten Reiches" blendet.

Die Autoren von "Fundstücke" haben jedes einzelne Objekt sozusagen in die Hand genommen, es erfühlt, es gewogen, ja sogar an ihm gerochen. Wer dieses Buch gelesen hat, wird alte Dinge mit ganz anderen Augen sehen: Als unbedingt erhaltenswürdige Zeugen, die viel zu berichten haben. Wenn man sie zum Reden bringt. "Fundstücke" schafft genau das. Auf jeder einzelnen Seite.

Und: Eine Ausstellung zum Buch läuft in der Alten Synagoge noch bis zum 28. Oktober 2016  – dienstags bis freitags sowie sonntags von 14 bis 17 Uhr, für Gruppen auch darüber hinaus. Kontakt: (0202) 563-2843 oder www.alte-synagoge-wuppertal.de