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Theater am Engelsgarten
Adorno trifft Peanuts trifft A-ha

Theater am Engelsgarten: Adorno trifft Peanuts trifft A-ha
Baby (Julia Reznik) wird von der „Gesellschaft der Freunde des Verbrechens“ bedroht. Am Ende ist es Baby, die sie gegen die Puppen aufhetzt. FOTO: Uwe Schinkel
Wuppertal. "Du kannst nach Köln doch keine Gedichte mehr schreiben." In diesem Satz aus Anne Leppers Theaterstück "Mädchen in Not", das vergangenen Donnerstag im Theater am Engelsgarten Premiere feierte, schwingt Adornos Zitat "Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch" mit. Einer von unzähligen Verweisen. Von Nicole Bolz

Einer, der sagt: In einer Gesellschaft, in der Menschen vor Krieg und Gewalt fliehen, um dann selbst Gewalt auszuüben, kann man eigentlich keine Kunst mehr machen. Es sei denn, das Grauen zittert in ihr nach. Anne Lepper versucht dies auf sehr eigene Weise und erschafft eine wahrlich abgedrehte Collage. Regisseur Peter Wallgram stellt sich der Herausforderung – und bringt einen temporeichen und skurrilen Abend auf die Bühne.

Baby (Julia Reznik) ist eine selbstbewusste junge Frau. Sie erscheint uns im Superheldinnenkostüm und rettet Katzen. Von Männern hat sie genug. Von ihrer Macht, ihrer Gewalt, ihrer Unterdrückung. Sie muss es wissen, sie hat schließlich gleich zwei davon. Sie will jetzt viel lieber eine Puppe, mit der sie dann nach Italien fahren kann. Für Babys Freundin Dolly (Lena Vogt) ist das nicht nur unvorstellbar, sondern auch ziemlich ungerecht. Schließlich hat Baby alles, wonach sie, das Mauerblümchen, die Ungeliebte, sich sehnt. Sie sagt: "Mit einer Puppe kann man doch die Realität nicht reproduzieren." Was Baby mit einem patzigen "Ich will auch gar nicht die Realität reproduzieren" vom Tisch wischt. Denn Vernunft ist Babys Sache nicht, wie sich noch zeigen wird. Und wo Dolly nichts hat, will Baby immer mehr. Also schickt sie ihre beiden Männer Franz und Jack (Martin Petschan und Konstantin Rickert) in die Wüste – nicht, ohne vorher von ihnen verprügelt zu werden ("Wenn man sie haut, besinnt sie sich vielleicht.").
Während Baby ihren Puppenwunsch beim mächtigen Puppenmacher Duran-Duran (Miko Greza) in Auftrag gibt (denn Baby sieht nicht nur gut aus, sie hat auch genug Geld), versucht Dolly die Situation für sich zu nutzen und wirft sich den verschmähten Männern an den Hals. "Ich bin auch eine Frau", ruft sie ihnen aufmunternd zu, "reicht das nicht?" "Nein", schallt es unisono zurück, "das reicht nicht!" Denn die beiden wollen keine wie sie, dick und hässlich. Sie wollen eine Frau, die der Norm entspricht, eine, mit der sie das eigene Ego aufpolieren können.

Wer bis hierher noch folgen kann, wird spätestens jetzt wirklich gefordert. Denn nachdem Baby mit ihren beiden Puppenmännern zurückkommt und Dolly beinahe aus Versehen mit einer von ihnen Sex hat und schwanger wird, erkennt Baby, dass ihr Leben auch mit den Puppen nicht besser wird und tötet schließlich – aus Eifersucht – die Freundin und ihr Kind. Aus der ehemals Unterdrückten ist eine Mörderin geworden. Und aus dem persönlichen Frust wird eine allgemeine Bewegung, als die "Gesellschaft der Freunde des Verbrechens" (grandios der Auftritt des aus Laien bestehenden Sprechchores) auftaucht. Diese arbeitet an der Abschaffung der "Differenz", ist permanent auf der Suche nach einem "Schloss Lacoste", findet aber immer nur das falsche Schloss, das sie sicherheitshalber in die Luft sprengen will und so Gefahr läuft, sich selbst zu vernichten. Ihr Motto: "Vergewaltigen! Erschießen! Ausweisen!" Am Ende hetzt Baby diese konforme Schlägertruppe gegen die Puppen auf. "Die Puppen sind unser Unglück", rufen sie und: "So weit ist es in Europa also schon gekommen, dass man eine Gefahr nicht mehr Gefahr nennen darf, wenn sie eben von Puppen ausgeht." 

Es ist schon aberwitzig wie Lepper, die unter anderem in Wuppertal studierte und für "Mädchen in Not" vergangenes Jahr den Mülheimer Dramatikerpreis erhielt, die Themen unserer Gesellschaft so grotesk und bitterböse aufeinanderprallen lässt. Rechte Gewalt und Heimatdiskurse, Flüchtlinge und sexuelle Gewalt jagt sie gemeinsam mit einem Füllhorn an philosophisch-literarischen Zitaten und popkulturellen Verweisen in rasantem Tempo über die Bühne, dass einem schwindelig wird: Adorno trifft Peanuts trifft Barbarella trifft den Marquis de Sade trifft A-ha trifft Arnold Schönberg … 

Sandra Linde versetzt dieses giftige Knallbonbon in eine blau-orangene Trashcomicwelt und lässt auch die Figuren schreiend grell überzeichnet auftreten. Pures Klischee. Regisseur Peter Wallgram entscheidet hier zugunsten von Ästhetik und Trash-Spaß und überfrachtet den ohnehin durchgeknallten (und zugleich klugen) Text, statt ihn freizulegen. Das hat durchaus seinen Reiz. Doch es gibt so viel zu sehen, zu entdecken und zu verstehen, dass man geneigt ist, zu kapitulieren. Und das ist schade. Trotz wirklich guter schauspielerischer Leistung (vor allem von den "Puppenjungs" Petschan und Rickert sowie von Lena Vogt) gab es am Ende nur höflichen Applaus und ein paar ratlose Gesichter. Davon lässt man sich am Engelsgarten aber hoffentlich nicht irritieren und traut sich hin und wieder ran, an Stücke, die auch den Zuschauer mal fordern.

"Mädchen in Not": 1 Stunde, 20 Minuten. Weitere Termine: 7., 8., 12., 13., 28. und 29. April sowie 19., 20. und 25. Mai im Theater am Engelsgarten
Karten gibt es bei der Kulturkarte unter Telefon 563-76 66 und kulturkarte-wuppertal.de

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