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Nach Toreschluss – die Wochenendsatire
Die Wunsch-Flutwelle

Nach Toreschluss – die Wochenendsatire: Die Wunsch-Flutwelle
Roderich Trapp. FOTO: Bettina Osswald
Wuppertal. Ich habe schon seit einer Woche keine WhatsApp mehr bekommen, in der mir jemand ein gutes neues Jahr wünscht. Das nährt die Hoffnung, dass es mit der Wünsche-Flut jetzt vorbei ist. Von Roderich Trapp

Denn möglicherweise ist Ihnen das ja auch schon aufgefallen: Früher bekam man ab und zu mal eine handgeschriebene Weihnachtskarte mit der Post und wünschte selbst gelegentlich jemandem am Telefon oder auf der Straße einen guten Rutsch oder ein frohes neues Jahr. Heute dagegen macht das Handy vom 22. Dezember bis ungefähr 10. Januar alle 30 Sekunden "Pling", weil jeder jedem elektronisch die besten Wünsche übermitteln muss.

Grundsätzlich ist das natürlich sehr nett, in der Praxis aber auch ein bisschen lästig. Denn es bleibt ja in den seltensten Fällen bei der simplen Übermittlung eines klassischen Weihnachts- oder Neujahrsgrußes, weil die dürftigen Worte der deutschen Sprache offensichtlich heutzutage nicht mehr ausreichen, um die guten Wünsche in angemessener Weise zu transportieren. Mindestanforderung in einer Weihnachts-WhatsApp sind heute die Emojis Tannenbaum, Weihnachtsmann, Schneemann, Rentierschlitten und Geschenk. Wer sich aus der Wunsch-Flutwelle herausheben will, fügt auch noch Bildchen oder Filmchen aus dem Internet ein, die der Empfänger immer schon mal nicht sehen wollte.

Eine andere Variante sind die Grüße per Sprachnachricht. Selbige erreichte mich dieses Jahr beispielsweise von der einer befreundeten Familie, die das Blockflötenkonzert ihrer drei kleinen Kinder in Echtzeit mitgeschnitten und in alle verfügbaren WhatsApp-Gruppen geschickt hatte. Mein Arzt hat mir zum Glück versichert, dass sich das Pfeifen im Ohr bis Ostern wieder legen wird.

Es ist natürlich etwas paradox, wenn man am 24. Dezember 100 WhatsApps bekommt, in denen Menschen eine besinnliche Weihnachtszeit wünschen, die man dann gar nicht hat, weil man ja nicht unhöflich sein will und deshalb auch 100 Antworten schreiben muss. Auf diese 100 Antworten kriegt man dann in mindestens 90 Prozent der Fälle wieder eine Antwort, auf die natürlich geantwortet werden muss. Denn wer den Chat als erster beendet, hat tendenziell immer ein schlechtes Gewissen.

Der typische Dialog sieht daher so aus: "Schöne Weihnachten (Tannenbaum + Schneemann + Rentierschlitten + Weihnachtsmann) und guten Rutsch (Rakete + Sektglas) wünschen euch die Nullachtfuffzehns!" – "Das wünschen wir euch auch (+ unlustiges Video, in dem ein Zeichentricktier im Schnee Unsinn erzählt)"– "HaHa (+ Daumen hoch + Grinsegesicht + Applaus-Hände). Thx und HNY"– "Was ist denn HNY? (+ Stirnrunzel-Emoji)" – "Happy New Year (+ Sektflasche) - "Ah, danke (+ rotes Herz) Wünschen wir euch auch" –"1000 Dank (+ 3 rote Herzchen) – "Bitteschön (+ Zwinkersmiley). Sagt mal: Kennen wir uns eigentlich persönlich?"

Statistiker werden daher in Kürze herausfinden, dass die Zahl ausgefallener Bescherungen und angebrannter Festtagsbraten in den vergangenen Jahren sprunghaft zugenommen hat. Ich hätte deshalb einen Vorschlag für Weihnachten und Silvester 2019: Da wir im Prinzip doch alle voraussetzen dürfen, dass Freunde und Bekannte uns schöne Weihnachten und ein gutes Neues Jahr wünschen, schreibt jeder nur noch den Leuten, denen er das ausdrücklich nicht wünscht.

So kriegen wir die Sache wieder in den Griff und wissen außerdem, wem wir nächstes Jahr nichts mehr schenken müssen ...

Bis die Tage!

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