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Nach Toreschluss – die Wochenendsatire
Die Leistung abrufen

Nach Toreschluss – die Wochenendsatire: Die Leistung abrufen
Rundschau-Redakteur Roderich Trapp. FOTO: Bettina Osswald
Wuppertal. Wenn sie beim Wort "Field Reporter" an unrasierte journalistische Haudegen denken, die in kugelsichere Westen gewandet eindrucksvolle Bilder von den Schlachtfeldern dieser Welt liefern, liegen Sie leider falsch. Von Roderich Trapp

"Field Reporter" sind die nur begrenzt zu beneidenden Männlein und Weiblein, die Fußballspielern wenige Sekunden nach dem Abpfiff ein Mikrophon unter die Nase halten, um von denen Kommentare einzuholen, die sie schon immer mal nicht geben wollten.

Die daraus resultierenden Dialoge sind der in HDTV gemeißelte Beweis dafür, dass es entgegen einschlägiger Volksweisheiten sowohl dumme Fragen als auch dumme Antworten gibt. Der Klassiker ist die Europapokal-Rückspielfrage: "Philipp Lahm, Bayern hat heute das Hinspiel gegen Barfuß Wolgograd 8:0 gewonnen. Was bedeutet das jetzt fürs Rückspiel?" Die richtige Antwort wäre: "Ja gut, ähm, da können wir jetzt natürlich die A-Jugend mit 20 Kästen Bockbier als Proviant hinschicken und kämen immer noch weiter." Tatsächlich wird Lahm aber sagen: "Wir sind noch nicht weiter. Jedes Spiel muss erst gespielt werden. Wir müssen auch da unsere Leistung abrufen."

Dieses Abrufen der Leistung hat im Fußball überragende Bedeutung erlangt. Vor 20 Jahren war es noch völlig unbekannt. Da reichte es für einen Sieg, mehr Tore zu schießen als der Gegner. Heute muss man dafür erst seine Leistung abrufen. Weil man aber kaum Spieler sieht, die im Mittelkreis stehen und aus Leibeskräften "Leistuuuung!!!" brüllen, wird viel mehr verloren als früher.

Umso besser, dass eine der beliebtesten Field-Reporter-Fragen völlig unabhängig vom Ergebnis ist. Sie lautet: "Wie haben Sie das Spiel gesehen?" Die korrekte Antwort des verschwitzten Akteurs wäre: "Vom Rasen aus." Stattdessen kommt aber in 90 Prozent aller Fälle ein Standardsatz, den Fußballer heute auswendig lernen müssen, bevor sie ihren ersten Profivertrag unterschreiben: "Wir wussten, dass es ein schweres Spiel wird und, ja, wenn wir nicht unser Optimum abrufen, dann haben wir es gegen jeden Gegner schwer. Wir hatten uns, wie gesagt, vorgenommen, kompakt zu stehen und, ja, in die Zweikämpfe zu kommen."

An dieser Konstruktion fällt zweierlei auf: Erstens funktioniert sie genauso ergebnisunabhängig wie die Frage. Und zweitens sagen Fußballer immer "wie gesagt", auch wenn sie vorher noch gar nichts gesagt haben. Das müssen Sie tun, um ausreichend Zeit zu haben, sich an den nächst folgenden Satzbaustein zu erinnern. Ohne "wie gesagt" können sie einfach nicht ihre optimale Rhetorik-Leistung abrufen.

Am besten beherrscht diesen Satz Nationalspieler Mesut Özil. Das liegt vor allem daran, dass er noch nie einen anderen benutzt hat. Man muss sogar davon ausgehen, dass er ihn auch nach Liebesnächten mit seinen diversen Freundinnen aus der Glamourwelt anwendet. "Ich hatte mir vorgenommen, wie gesagt, kompakt zu stehen und in die Zweikämpfe zu kommen", funktioniert wirklich immer. Sogar wenn gar kein Field-Reporter dabei ist und es nicht um Fußball geht.

Bis die Tage!

 

 
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