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Aus dem Tagebuch der Redaktion
Der stille Anti-Held

Aus dem Tagebuch der Redaktion: Der stille Anti-Held
Rundschau-Redakteurin Nicole Bolz. FOTO: Bettina Osswald
Wuppertal. Du gehst zu sehr nach der Musik, haben sie gesagt. Das geht unter, haben sie prophezeit. Der Favorit ist Italien, haben sie schlaugeschwätzt. Der Osten schiebt sich die Punkte ohnehin nur untereinander zu, fachsimpelten sie. Ja gut, die Kritiker hat er überzeugt, aber die Zuschauer stimmen sicher anders ab, orakelten sie. Doch ich war sicher: Diesmal konnte es nur einen Gewinner beim Eurovision Song Contest (ESC) geben – Portugal. Alles andere war schlicht nicht möglich und wäre die weitaus größere Überraschung gewesen. Von Nicole Bolz

Was faselt die Bolz jetzt hier vom ESC werden Sie sich vermutlich fragen. Und ich werde mal versuchen zu erklären, warum dieser Sieg eines ungelenken Anti-Helden in einer polierten Scheinwelt eine Metapher für die Sehnsucht so vieler Menschen ist. 

Da wäre zuerst der Sänger selbst. Hübsch irgendwie, aber eigenwillig ist Salvador Sobral. Der Kopf wirkt irgendwie zu groß auf dem schmalen Körper, der Körper zu klein für das Sakko. Zauselbart und Zopf – und das jenseits von Hipstertum. Kein Glitzer, kein Glamour, kein geleckter Schönling, der wohlkalkuliert auf Stimmenfang bei weiblichen wie homosexuellen Fans des ESC gehen soll. Und dann diese Bewegungen! Die Hände gefaltet, die Augen geschlossen, wirft der 27-Jährige den Kopf ruckartig in den Nacken, reißt die Augen weit auf, und zeichnet einzelne Töne in die Luft, tanzt. Legt sich ganz in die Musik. So versunken, als gäbe es nur ihn und dieses Lied. Unbeholfen charmant ist das. Und zugleich kommt seine Kunst tatsächlich vom Können. Sobral ist ein Jazzsänger, der seine Stimme beherrscht.

Und weil das so ist, gibt es Song und Sänger ganz pur. Keine Windmaschinen, keine Choreografie, keine wilden Tänzer oder Affen. Salvador Sobral schenkt den Zuschauern nichts von dem, was sie am ESC so lieben. Er schenkt ihnen viel mehr: etwas, das echt ist. Aufrichtig. Berührend in seiner Schlichtheit. "Amar pelos dois" ("Für beide lieben") ist ein verträumt-melancholischer Jazz-Walzer. Unaufgeregt und betörend zart. Ein Juwel, das wie ein Fremdkörper in diesem schrillen Wettbewerb wirkt. 

Dass dieser Song mit so großem Abstand (fast) alle Länder, Kritiker wie Zuschauer verzaubert, erzählt von der großen Sehnsucht nach echten Gefühlen und echten Menschen. Menschen, die etwas tun, das sie können. Die es tun, weil sie es lieben. Die etwas erschaffen um der Schönheit wegen, nicht kühl kalkulierend, auf Sieg spielend, Beifall erheischend. Die uns nichts vormachen, keinen Glitzer in die Augen streuen.

 Denn all das ist so selten geworden. Nicht nur in der Musik, auch in der Politik, in der Gesellschaft. Leider haben das bisher vor allem die erkannt, die diese Sehnsucht der Menschen wiederum perfide für ihre Zwecke benutzen – siehe AfD, siehe Trump, siehe Brexit. Doch an diesem Abend war es einmal anders. Hier hat der stille Anti-Held über sämtliche Gesetze des Wettbewerbs gesiegt. Fast wie im Märchen. Und genau darum freuen sich auch so viele darüber. Es kann uns daran erinnern, dass so ein Wunder möglich ist, wenn wir nur den Mut haben, uns auf das Wesentliche zu konzentrieren – und daran zu glauben. Und das haben wir selbst in der Hand...

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