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Kommentar zum Neuanfang des Wuppertaler Tanztheaters
Ein verdammt schweres Erbe!

Kommentar zum Neuanfang des Wuppertaler Tanztheaters: Ein verdammt schweres Erbe!
Rundschau-Redakteurin Nicole Bolz. FOTO: Bettina Osswald
Wuppertal. Nicht jedes Erbe tritt man nur mit positiven Gefühlen an. Erst recht, wenn es so schwer wiegt wie das von Pina Bausch. Ihr plötzlicher Tod hat vor neun Jahren eine schmerzvolle Lücke in das legendäre Tanztheater Wuppertal gerissen, die bis heute nicht gefüllt werden konnte. Niemand war darauf vorbereitet. Niemand hatte einen Plan, wie es weitergehen konnte. Konnte es überhaupt weitergehen? Von Nicole Bolz

Der erste zaghafte Versuch vor drei Jahren – ein Abend, an dem drei Choreografen drei neue Stücke für das Bausch-Ensemble konzipierten – ein etwas hilfloser Versuch, der nur noch mehr diesen unglaublichen Verlust dokumentierte. Und die vage Befürchtung blieb, dass die Geschichte des wegweisenden Tanztheaters mit dem Tod seiner revolutionären Begründerin vielleicht zu Ende erzählt war.

Wie sollte die Zukunft des Tanztheaters auch aussehen? Immer mehr neue Tänzerinnen und Tänzer, die Stücke von Pina Bausch tanzen, aber nie mit ihr gearbeitet haben. Immer weniger Tänzerinnen und Tänzer, die ihren Geist weitertragen können. Irgendwann neue Stücke von anderen Choreografen und auch andere Compagnien, die vereinzelt Stücke von Pina Bausch tanzen. Wo bleibt denn dabei das, was dieses Tanztheater Wuppertal Pina Bausch von allen anderen noch unterscheidet – der unverwechselbare Esprit?

Eine erste Antwort lieferte nun der Grieche Dimitris Papaioannou mit seinem Stück "Seit sie". Seit sie – also seit Pina tot ist, assoziiert man da. Und so liest sich der Abend auch wie ein Stück ehrfürchtige Trauerarbeit. Papaioannou findet eindrucksvolle Bilder für diesen heiklen Balanceakt der Annäherung an diesen Mythos. Er zitiert Requisiten und Bilder aus dem Bausch-Universum, ohne sie zu kopieren. Nein, der Theaterregisseur und bildende Künstler offenbart vielmehr, wie sehr sein Blick, seine Kunst geprägt ist von der Wuppertaler Ikone.

Und wie er versucht, diese Prägung in eine eigene Choreografie zu überführen. Aber eben auch, wie verdammt schwierig diese Aufgabe ist. Seine kraftvollen Bilder dieser düsteren Trauer-Traumwelt scheinen in jeder Minute sagen zu wollen: Wir haben hier einen großen Schatz. Das ist ein Geschenk, aber es wiegt so schwer. Wir haben hier diese Stühle aus "Café Müller", aber was machen wir jetzt damit? Wir haben diesen entwurzelten Baum aus "...como el musguito en la piedra, ay si, si, si...", aber was machen wir jetzt damit? Jetzt, wo sie tot ist.

Insofern ist Papaioannous Stück ein gut gewähltes erstes Werk für einen Neuanfang. Weil es von all dem erzählt und uns am Bühnenrand erahnen lässt, wie groß die Trauer und auch die Last ist. Und dass die bunte Leichtigkeit (vor allem) der späteren Bausch-Choreografien in weiter Ferne zu liegen scheint. Aber wer weiß, vielleicht wird schon das zweite Stück des Norwegers Alan Lucien Øye, das Anfang Juni uraufgeführt wird, einen ganz anderen Umgang mit dem Erbe Pinas zeigen.

Vielleicht liegt die Legitimität, den Weg des Tanztheaters Wuppertal ohne Pina fortzuführen, genau darin: Im Mut Neues zu wagen. Keine Angst vorm Scheitern zu haben. "Einfach" zu experimentieren, welche verschiedenen Blüten die Wurzeln Pinas entfalten können. Diesen Mut hat Intendantin Adolphe Binder mit der Entscheidung gezeigt, neue Choreografen einzuladen – und dabei ein glückliches Händchen bewiesen. Wie wichtig das auch für das Ensemble ist, machten die eindringlichen Worte von Michael Strecker, langjähriger Bausch-Tänzer, bei der Premierenfeier deutlich, die er an Adolphe Binder richtete: "Wir hatten so viel Sorge, Pina zu verlieren. Aber wir haben heute gewonnen. Es ist kein Neuanfang, es ist eine Fortsetzung. Du kamst zur richtigen Zeit zum richtigen Ort."

Was jetzt noch fehlt, ist ein Haus, in dem diese neuen Wege ein Zuhause finden. In dem experimentiert werden kann, sich Künstler treffen und austauschen und so den Geist von Pina Bausch gemeinsam weiter entwickeln und in die Zukunft tragen können. Hoffentlich beweisen dabei auch die Wuppertaler Politiker diese Weitsicht und den Mut und bekennen sich lautstark zu einem Pina-Bausch-Zentrum. Damit der Mythos in Wuppertal weiter eine Heimat hat!

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